Sonntag, 18. Juli 2010

Love Never Dies






London, 14.7.2010

[ACHTUNG SPOILER]

Viele, viele Jahre habe ich die Geschichte des Phantoms mit mir herum getragen. Seit ich es als Kind zum ersten Mal gesehen habe, war es ein Übermusical für mich, eines der ewigen Glanzstücke eines Genres und ein magisches Werk, hochromantisch, tragisch und bittersüß. Was habe ich mich jedes Mal durch diese Story geträumt, was habe ich sie geliebt! Natürlich war mein Interesse groß, nun die Fortsetzung "Love Never Dies" zu sehen, mit der Andrew Lloyd Webber laut eigener Aussage jahrelang schwanger ging. Mit gemischten Gefühlen saß ich schließlich im Adelphi Theatre. Vor allem der erste Teil war, trotz teilweise wunderschöner Melodien ein dramaturgischer Reinfall. Phasenweise hatte ich das Gefühl, Herr Webber hätte sich in die Welt der Fanfiction verirrt und da ein paar Phantasien ausgelebt, die besser für immer in seinem Kopf geblieben wären. Ausgerechnet das Wiedersehen von Christine und Phantom nach zehn Jahren gerät zur lyrischen Farce. In denkbar grauenhaften Teenager-Kitschtexten wird zu belanglosen Melodiechen über die eine gemeinsame Nacht (oh no!!!) parliert, es ist schlichtweg grauenhaft. Dabei konnten der hinreißende "Coney Island Waltz" am Anfang (mit fast Heller'scher Bühnenshow) und die umwefende Phantom-Arie "Til I hear you sing" wirklich überzeugen und dann das! "And I touched you. And embraced you. And I felt you. And with every breath and every sigh. I felt no longer scared. I felt no longer shy. At last our feelings bared beneath a moonless sky." Würg! Einzig das Finale von Teil 1 konnte ein wenig retten, denn das ungewöhnliche, rockige und schräge Duett zwischen Phantom und Gustave "The Beauty Underneath" ist ein Bühnenspektakel und wirklich spannend und mitreißend. Leider kommt dann wieder die Fanfiction durch und Gustave stellt sich als (uah!) leiblicher Sohn des Phantoms heraus. (ja, ja, die eine Nacht!)

Überhaupt, das Phantom: Diese Figur hat durch den Zauber gelebt, der mehr durch die Abwesenheit von Körperlichkeit entstand. Eine Stimme im Dunkeln, ein Schauder, den man mehr spürt als sieht, das macht ihn aus. In Love Never Dies gerät er viel zu menschlich, steht unter der Fuchtel der Girys und benimmt sich über weite Strecken wie ein verknallter Halbstarker. Das ist schade und raubt so manche Illusion.

Wo das Stück endlich Fahrt aufnimmt, ist, nach einem eher faden Song von Raoul, in dem er sich die Frage stellt, die jeder wahre Phantom Fan seit Ewigkeiten stellt, nämlich warum zum Teufel sich Christine für IHN entscheidet, die Konfrontation zwischen Phantom und Raoul "Devil Take the Hindmost". Erstens ist es eine super Nummer und zweitens kommt endlich Spannung auf, die sich in den Plädoyers der beiden vor Christines Auftritt weiter steigert. Schön ist danach eine der wenigen musikalischen Anspielungen auf Teil 1, als Christine sich wieder zwischen zwei Stühlen befindet und die Reprise von Devil. Es wird wirklich dramatisch: Singt sie das Lied oder singt sie es nicht, wobei man natürlich vom Score her weiß, dass sie es natürlich singt, ist ja nicht umsonst komponiert. Und das tut sie. "Love never dies" ist die Hauptnummer des Stückes, aber dennoch nicht das Herzstück, zu belanglos sind Text und Melodie, zu austauschbar, wenngleich live on stage durchaus ein großes Glanzstück für die Sängerin der Christine.

Nachdem ich vor der Aufführung nur eine sehr knappe Inhaltsangabe kannte, wusste ich nicht, wie es endet. Die Überraschung war groß, aber eigentlich im positiven Sinn. Kein Happy End. Christine entscheidet sich für das Phantom, wird aber von der eifersüchtigen Meg Giry dafür erschossen. Das Phantom verschwindet mit Gustave. Und eigenartigerweise funktioniert das Ende gut. Ein letzter Kuss erzeugt tatsächlich Rührung, es ist nicht lächerlich, nicht zu plakativ, sondern auf einer Ebene extrem berührend und entschädigt für vieles.

Ach ja, ansonsten waren da noch die Ensembles (entbehrlich), der Prolog (völlig fehl am Platz als Einstieg), Megs Nummer "Bathing Beauty" (satirisch gesehen wohl ganz witzig, aber eigentlich schwach) und ein paar wirklich schöne Licht-, Video- und Bühneneffekte. Ich bin unterm Strich froh, dass ich es gesehen habe und werde es wohl auch ein zweites und drittes Mal sehen und drei, vier Nummern haben es sogar aufs IPhone geschafft. Nach anfänglichen schweren Griffen ins Dramaturgie-Klo gelingt im zweiten Teil doch noch eine rettende Wende und so hinterlässt das Stück tatsächlich ein schmerzliches Gefühl in der Herzgegend. Ein bisschen Kitsch braucht man anscheinend doch. ;-)



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2 Kommentare:

Eponine hat gesagt…

Danke für die Zusammenfassung. Mich hat's bestätigt, ich werde das Phantom Phantom sein lassen und mich wieder und wieder ins Original begeben, die Fortsetzung jedoch links liegen lassen. Den Kitsch hab ich mit diversen schlechten Fanfics schon gehabt. ;)

Claudia Toman hat gesagt…

Ich verstehe dich, aber ich tät dir trotzdem empfehlen, es zumindest einmal anzuschauen. Es hat neben den schlechten auch ein paar schöne Momente und ich (als großer Anti-Happy-End-Fan) war danach nicht unzufrieden. Klar, es wird nie an den Glanz von Phantom rankommen. Aber es ist immer noch besser als so manches, was er in den letzten Jahren produziert hat. Und zwei, dreimal im Score blitzt der alte, große, gigantische Webber wieder durch, dafür allein war es den Fanfiction Kitsch wert. ;-)

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