Freitag, 13. Mai 2011

Meine Zeitreise...

Mitten in Wien steht eine Zeitmaschine. Sie nennt sich Ronacher und hat mich heute im Schnelldurchlauf durch mein erstes Lebensdrittel geschmissen. Schuld daran war das Benefizkonzert "Musicalhits in Wiener Originalbesetzung", das Marjan Shaki und Lukas Perman ins Leben gerufen haben, und das in drei Stunden dreißig Jahre Wiener Musicalgeschichte abgehandelt hat. 
Als zu Beginn Gordon Bovinet den Jellicle Ball anstimmt, mit dem gleiche Akzent wie damals, bin ich wieder das sechsjährige Kind, das den ersten Liebesbrief ihres Lebens schrieb, an eine alte Katze namens Grizabella. Das Kind, das sich vor Macavaty zu Tode fürchtet, das den Rum Tum Tugger für einen Filou hält und tagein tagaus Memory singt. Cats war tatsächlich die erste Theaterliebe meines Lebens.
Als nächste tritt Luzia Nistler auf und singt "Könntest du doch wieder bei mir sein" aus dem Phantom. Auch im Nachhinein betrachtet hatte das Phantom eine undankbare Rolle. Es lag zwischen zwei großen Lieben, und obwohl ich es auch auswendig singen konnte und besonders das Phantom selbst sehr verehrt habe, hat die Liebe mich 1988 mit zehn Jahren so richtig gepackt. Das war das Jahr, als Les Misérables nach Wien kam. Der erste Aufsatz in der Schule, der meine damalige Volksschullehrerin veranlasst hat, mir große schriftstellerische Erfolge vorauszusagen, entstand zum Thema "mein schönstes Erlebnis". Ich schrieb darin über meinen Besuch von Les Misérables. Jedenfalls, als heute Abend Reinhard Brussmann und Norbert Lamla dreiundzwanzig Jahre später wieder auf der Bühne stehen und Les Mis singen, ist es so weit. Tränen. Wo sind die hergekommen? Es muss an der Zeitmaschine gelegen haben. Nebenwirkungen einer zu abrupten Zeitreise. Ich kann es nur so erklären: Diese zwei Stimmen in dieser Kombination, genauso wie Nistler und Goebel im Phantom oder die Wiener Cats Katzen, das war meine Kindheit, und ich schaue mit einem weinenden und einem lachenden Auge zurück. Denn zum ersten Mal seit langem bin ich froh, so alt zu sein wie ich bin Warum? Weil: Ich war dabei! Ich hab es damals miterlebt, mitgeliebt, und das bedeutet mir so viel!



Es folgen Ausschnitte aus Freudiana, Elisabeth und Kuss der Spinnenfrau. Uwe Kröger war angekündigt, ist aber verhindert, was den sehr erfreulichen Nebeneffekt hat, dass ich Elisabeth sogar genießen kann (hehe!). Auch Elisabeth gehört zu meiner Geschichte, aber erstens war ich nie der totale Fan davon und zweitens hab ich mich daran irgendwann sehr satt gehört. Und Kröger geht sowieso gar nicht. Aber für ihn springt Felix Martin ein, was zu weiteren Les Mis Erinnerungen führt. Ethan Freeman singt Kitsch und Maya Hakvoort ein "Ich gehör nur mir", das mich gar nicht erreicht. Sattgehört. Das hab ich mich bei Webber und Boubil/Schönberg nie. Bei Levay schon.
Als nächstes Ausschnitte aus Die Schöne und das Biest und Tanz der Vampire. Ethan Freeman ist echt ein feiner Darsteller und Caroline Vasicek immer noch so süß wie damals. Aber TdV ist es, das mein Meilenstein war, damals, 1997. Was hatte ich darauf gewartet. Meine Teenagerzeit ist nämlich untrennbar mit Jim Steinman und Meat Loaf verbunden. Ich gebe zu, ich war enttäuscht, dass Steinman fast nur altes Material verwendet hat, und hab ihm das bis heute nicht ganz verziehen. So genial jeder seiner Songs ist, so geizig ist er in den letzten fünfzehn Jahren mit neuer Musik gewesen. Und ganz ehrlich gesagt nerven mich manche Nummern heute einfach nur noch. Der ganze Knoblauchquatsch und dieses Abronsiusgelabere langweilen mich extrem, was nicht am hinreißenden Gernot Kranner liegt, sondern an diesen Szenen an sich. Dann aber, vor der Pause des Konzerts, ein Höhepunkt. Cornelia Zenz singt "Totale Finsternis". Stand so am Programmzettel und ich dachte: Hä, wie soll das gehen? Das Ding ist ein Duett. Kurze Drew-Vorfreude, weil, was sonst? Oder? Und dann setzt das Tonband ein. Und es ist perfekt. Traurig. Stimmig. Schön. Denn unter dem Applaus des Publikums singt nicht irgendwer den Grafen mit Zenz, sondern der außergewöhnliche und unvergessene Steve Barton, viel zu früh verstorben, ist, zumindest in Foto und Tonbandstimme plötzlich im Raum. Pause mit sonderbarer Melancholie in der Luft.

Nach der Pause ziehen Chicago und Mozart relativ unbemerkt, wie damals im Theater auch, an mir vorbei. Lenneke Willemsen und Yngve Gasoy-Romdal singen gut und bekommen viel Applaus. Dann Maya Hakvoort, wegen Erkrankung von Eva-Maria Marold solo aus Jekyll & Hyde. Ich möre mich an Wildhorn wiederum nicht so leicht satt wie an Levay. Ich glaub mittlerweile, Levay ist satthörprädestiniert...
Dann Orgelklänge taaaaa-ta-ta-ta-ta-taaaaaa und eine Stimme aus dem Off. Das Phantom ist gelandet. Direkt aus dem Radiosender. Alexander Goebel tritt auf und singt die Musik der Nacht immer noch göttlich. Wenn nicht sogar noch reifer, klüger. Ihn mit aktuellen Phantomen zu vergleichen, macht keinen Sinn. Er ist der Goebel und wird immer den Nostalgiebonus haben. Tiefe Verbeugung.
Und dann Atem anhalten. Denn Hair ist angesagt. Womit wir beim Meilenstein meiner Twen Jahre angekommen wären. Als der übrigens sehr witzig durchs Programm führende Werner Sobotka Drew Sarich ankündigt, kreischen die jungen Mädels im Saal. Ich kreische nicht. Aber ich leuchte irgendwie von innen. 2001 saß ich im Raimund Theater. Das Licht ging aus, das Ensemble sang Aquarius. Und dann kam Drew. Ich kannte ihn nicht. Kein Mensch kannte ihn in Wien. In Deutschland hatte er als Quasimodo im Glöckner begonnen. Und dann war er der Wiener Berger und schlug mich damit feierlich zum Fangirl. Drew in Hair war eine Naturgewalt, jung, schön, lustig, wild, verrückt und wie ein ungeschliffener Diamant. Er wird ein Broadwaystar, sagte ich damals. Er wurde ein Broadwaystar. Und heute Abend leuchte ich, weil alle kreischen, weil ich immer geleuchtet habe und nie gekreischt. Heute singt er Donna, aber er singt es nicht mehr wie ein Rohdiamant, sondern wie ein Broadwaystar. Das ist schön und traurig zugleich. Ich möchte die Zeit zurückdrehen und den Drew von damals zurück. Aber ich will auch all die grandiosen Auftritte seither nicht missen, seinen Valjean, seinen Jesus Christ, seinen Krolock. Für ein einziges Mal noch mit der Zeitmaschine nach 2001, dafür würd ich vieles geben.
Zeitmaschine!!!

Ich mache jetzt die zwei Unsäglichkeiten, die folgen kurz, sonst wird das hier ein Roman. Die tolle Carin Filipcic, sowie Shaki und Perman singen aus Romeo und Julia. Und bei jedem Versuch das gleiche Ergebnis: Diese französischen Musicals werd ich nie mögen. Fahrstuhlmusik (Sorry Sonja, Elli, Andrea!) fällt mir ein. Oder Kaufhausmusik. Beim einen Ohr rein, beim anderen Ohr raus. Könnte es echt auch jetzt nicht nachsummen. Nicht mal ansatzweise. Kein Hauch Shakespeare weit und breit. Und Rebecca? Lassen wir das. Ja, aus dem wurde auch gesungen.
Danach habe ich mich dafür umso mehr über Andreas Biebers "Ich wär so gern ein Producer" aus den Producers gefreut. Das ist Erholung zum Mitsingen nach dem Fahrstuhl und dem Levay. Ich schunkle glücklich und find es schön. Dann noch mal Drew, diesmal mit Lisa Antoni zusammen aus Rudolf. Über das Musical wurde viel geschimpft. Ich halte es zwar immer noch nicht für das Überwerk, aber erstens war es die Rückkehr des lieben Broadwaystars nach Wien, was mir Freude bereitet hat, und zweitens ist es eben Wildhorn und nicht Levay. Wie gesagt, ich höre mich an Wildhorn nicht satt. Ob Jekyll, Scarlet Pimpernel oder vieles in Rudolf (aber nicht die schrecklichen Ensembles!), ich höre es oft und gern, doch nie satt.
Zum Finale singt Frau Sarich Ann Mandrella noch "Was wichtig ist" aus Ich war noch niemals in New York. Ja, hm, das spielt es auch in Wien. Der Song ist ganz nett, gesungen war es sogar sehr nett und die Veranstalter spielten dazu Fotos von hungernden Kindern aus Haiti ein, was politisch sehr nett und korrekt gewesen sein muss. Ich geh es mir trotzdem nicht anschauen.
Nach der Scheckübergabe, über 63.000 Euro Spenden, toll!, gibt es ein Preview auf Sister Act. No ja. Wenn es durchgehend so ist wie dieser Song wird es mich eher selten als Zuseher haben. Drew hin, Drew her. Dann sang der recht gute Chor (von Jerôme Knols durchgehend hübsch in Szene gesetzt) noch aus A Chorus Line und aus war die Zeitreise und emotionale Achterbahnfahrt. Cats, Phantom, Les Mis, Tanz der Vampire, Hair, Producers, Rudolf. Und halt noch ein paar andere Sachen dazwischen. ;-) Die Nostalgie begleitet mich jetzt ins Bett...


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1 Kommentare:

Sonja hat gesagt…

Danke für den schönen und ausführlichen Bericht, liebe Claudia!
Wow, da war ja wirklich eine Spitzenbesetzung versammelt, klingt ganz toll :)
Ich hab gar kein Problem damit, wenn Dir alle möglichen Musicals nicht gefallen, so lange wir uns bei Les Mis einig sind - und da besteht ja keine Gefahr!

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