Freitag, 26. August 2011

+++Theaterkritik+++ Les Miserables, London


Les Mis ist ja kein Musical, das ich selten gesehen habe. Nicht mal nur oft, sondern sehr oft. Trotzdem gab es eine Phase, in der mich die Londoner Produktion nicht mehr überzeugt hat, zu routiniert, zu uninspiriert war vieles. Seit dem 25jährigen Jubiläumskonzert ist alles anders. Denn die neue Cast im Queens Theatre, teilweise aus der Konzertbesetzung hervorgegangen, begeistert auf ganzer Linie. Jede Figur ist sorgfältig neu erarbeitet und man kann sich an Ideen und Kleinigkeiten gar nicht sattsehen. Nichts mehr vom alten Trott, sondern Feuer, das meine Liebe zur Revolution neu entfacht hat.
Als Superstar wird Alfie Boe gepusht, und sein Operntenor ist in der Rolle des Jean Valjean auch strahlend und himmlisch anzuhören. Ein Hörgenuss! Allerdings ist seine darstellerische Leistung trotzdem sehr viel schwächer als die der anderen. Umso mehr möchte ich die Alternativbesetzung Jonathan Williams hervorheben. Der hat eine klassische Musicalstimme, sticht aber durch Bühnenpräsenz, Schauspiel und eine enorm liebenswerte Ausstrahlung heraus. Viel Reife für sein junges Alter und eine tadellose Gestaltung. Schade, dass einige "Fans" der Meinung sind, dass Vorstellungen ohne Alfie Boe nicht sehenswert sind, denn sie sind es sehr.
Völlig hingerissen hat mich Hadley Frasers Javert. Das Talent dieses Mannes ist ja bereits in seiner Darstellung vom ewigen Trinker Grantaire beim Jubiläumskonzert durchgeblitzt, aber was er als Javert zeigt, ist großes Musiktheater. Eine gewaltige Stimme, die von Tiefe bis Höhe keine Wünsche offen lässt und eine Interpretation dieser schwierigen Figur, die völlig neu und wahrscheinlich maßgeblich für zukünftige Interpreten wird. Der Javert unserer Generation! Kein Bösewicht, nein, nur ein pflichtbewusster Mensch, der sich verrennt und je mehr er sich in seinen Wahn hineinsteigert, desto verbissener daran festhält. "I am the law and the law is not mocked" singt er, bevor er an sich selbst zerbricht und wie Hadley Fraser dabei mit zitternden Händen einen letzten Versuch startet, die abhanden gekommene Normalität ("the world is upside down") herzustellen und die Knöpfe seines Mantels schließt, während der Rest von ihm bereits zerstört ist, ist großes Theater!
Ebenfalls hervorzuheben ist Matt Lucas' Gestaltung des Thénardier. Ein großer Komödiant, der wie kein Zweiter das Geheimnis von Timing beherrscht, sehr, sehr viel von sich selbst eingebracht hat und Thénardier zu einer Figur aus Little Britain gemacht hat. Wunderbar, schlüssig und genau die richtige Dosis überzeichnet. Katy Secombe ist ihm eine kongeniale Partnerin, ein echtes, modernes Ténardier-Dreamteam!
Nicht ganz überzeugen konnte mich Alexia Khadimes Eponine, und ich hab mich drei Aufführungen lang gefragt, warum. Immerhin ist Eponine meine Lieblingsfigur, da hat mich bisher noch fast jede erreicht. Das Problem ist: Ich glaub es ihr nicht! Ich sehe die echten Gefühle nicht. Zwar plärrt sie "Without him, the world around me changes" in lauten, schrillen Tönen, aber ich sehe nicht die Verzweiflung dahinter. Nicht mal bei Little Fall of Rain glaub ich ihr, dass sie Marius liebt. Ich glaub ihr nur, dass sie keinen Schmerz fühlt, aber eben das ist das Problem.
Nicht leicht hat es Liam Tamne  gehabt und es hat drei Aufführungen lang gedauert, bis ich mich mit ihm angefreundet hatte. Diese Rolle nach Ramin zu singen, ist halt schwierig. Aber er macht es trotzdem gut, ist sehr emotional und hat wunderbar echte Momente. Mir persönlich ist er aber zu wenig "männlich", zu wenig testosteronhaltig. Ich mag Enjolras eben als Anführer, der in jeder Sekunde Funken sprüht. Das tut Tamne nicht, er ist ein Junge unter Jungen, der irgendwie zufällig der mit der roten Fahne ist. Aber ansonsten gibt es nichts zu kritisieren und mittlerweile mag ich ihn auch wirklich gerne in der Rolle.
Caroline Sheens Fantine ist zwar gesanglich nicht die Überfrau, hat aber ein unglaublich liebenswertes, berührendes Auftreten und spielt toll. Lisa-Anne Wood als Cosette und Craig Mather als das Liebespaar Cosette und Marius sind brav. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Aber das Stück macht es ihnen nicht leicht, die Rollen sind eben blass im Vergleich zu den anderen. Selbst ein Grantaire (etwas zu alkoholisch: Adam Linstead) kann mehr Persönlichkeit zeigen als Marius...
Alles in allem muss ich sagen: Toll! Danke, lieber Herr Mackintosh für diese frische, neue Cast, die mir mein Lieblingsmusical wieder neu ins Herz gesungen und gespielt hat! Verbeugung und Applaus!


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