Sonntag, 23. Oktober 2011

+++Konzertkritik+++ Eine Nacht mit dem Phantom

Ramins Stern steht derzeit enorm hoch am Musicalhimmel. Trotzdem hat er sich an einen Stern nicht herangewagt.  Und das ist vielleicht gut so. Aber von Anfang an...


Dinge, die man zum ersten Mal im Leben tut. Zum Beispiel für ein einzelnes Konzert nach Manchester fliegen. Ziemlich genau ein Jahr begleitet mich Ramin Karimloo nun. Er tauchte als Enjolras beim 25er Les Misérables Konzert mit geballter Faust und wehender Fahne auf und entführte mich als Phantom der Oper nach Coney Island und in Tiefen der Kellergewölbe des Gehirns eines autistischen Genies, wie es Laroux' Erik eigentlich ist. Das große Finale dieses Jahres, das mich zu den Wurzeln meiner Theaterliebe zurückgeführt hat, fand schließlich am 2.10. in London beim 25er Phantom Konzert statt. Aber ich habe einen anderen Abschluss gewählt, um noch einmal alles Revue passieren zu lassen: Ramins Konzertreise "A Night with the Phantom". Dafür ist selbst ein so hässlicher Ort wie Manchester eine weite Reise wert.
Ist es das? Ich weiß zumindest jetzt wieder genau, warum ich solche Konzerte eigentlich nicht mag. Songs, aus dem Zusammenhang gerissen, aneinander gestöpselt, durch Orchestereinlagen künstlich in die Länge gezogen, durch Gastauftritte "bereichert" und bei fragwürdig gepfuschter Ton- und Lichttechnik in Sälen, die nicht für Mikrofongesang gebaut wurden: All das spricht gegen entsprechende Veranstaltungen. Und nichts davon blieb mir in der Manchester Bridgewater Hall erspart. Ganz ehrlich und bei aller Liebe zu den Technikern des Theaters: Ein Tontechniker, der den Mikroeinsatz verpennt, sodass die ersten gesungenen Worte des Abends "Some enchanted evening" nicht hörbar sind, gehört gefeuert. Aber so was von. Und noch ehrlicher: Ich finde es ja lobenswert, dass Teenager von den Jurys dieser Welt zum singen animiert werden, aber wer um Himmels Willen Britain's got Talent Teilnehmerin Olivia Archbolds Version von "In the arms of an angel" bei einem Programm namens "A night with the Phantom" gebraucht hat, weiß ich nicht. Wenn sie die Bacharach Nummer, die sie als zweites gesungen hat, nicht so arg versemmelt hätte, hätte ich sie womöglich einfach nicht erwähnt (Kinder und drollige Tiere kritisieren ist böse), aber selbst wenn sie ein Zwergpudel wäre, der mit Bällen jonglieren kann, hätte sie keinen Sinn gemacht.
So viel zur Kritik. Das Welsh Concert Orchestra unter der Leitung von David Shrubsole verbreitete gute Laune und klang schön bei der Ouvertüre von SOUTH PACIFIC. Also konnte es eigentlich losgehen. Allerdings dauerte es etwas. "Some enchanted evening", "If ever I would leave you" und "If I loved you" sind zwar Lieblingsnummern von mir, Kultklassiker, aber Ramin tat sich schwer damit, warm zu werden. Ich glaube, das kann man allgemein sagen: Ramin gehört auf eine richtige Bühne, in ein richtiges Stück. Seine große Kunst ist die Verkörperung, nicht das Nachsingen von Oldies but Goldies. Denn das können andere besser. Sogar Alfie Boe. 
Speaking of Alfie: Großen Mut und zugleich große Weisheit beweist Ramin mit der gravierendsten Programmänderung des Abends. Er wollte sich an einer Rolle in LES MISÉRABLES versuchen, die er noch nicht gesungen hat. Und traf die richtige Entscheidung. Es gehört Mut dazu, sich mitten im Alfie Boe Hype in eine Konzerthalle zu stellen und "Bring him home" zu singen. Aber das angekündigte "Stars" hätte einen viel gefährlicheren Vergleich nach sich gezogen. Also sang Ramin Jean Valjean und endlich war er da, der begnadete Stern des West End. Endlich spürte man die emotionale Intelligenz dieses großen Künstlers und er sang den ganzen Opern-Alfie an die Wand, weil er Gefühle vibrieren lassen kann. Großes Kino. Ich zweifle nicht daran, dass er der nächste große Valjean wird. Dermaßen beschwingt schwebte er auch durch die MISS SAIGON Nummern "Why, god, why" und das Duett "Last night of the world". Man merkte, dass er die Rolle gesungen hat und er brachte sie glaubwürdig rüber. Die Duettpartnerin des Abends war Celia Graham. Sie fühlte sich aus irgendeinem Grund dazu berufen, zwischendrin Jazz und Judy Garland zu singen. Nött. Synonym für nett aber nö. Ich habe sie als Christine in Love Never Dies wirklich geliebt, aber ihre Stimme ist nicht die größte aller und ihr verhuschtes Auftreten weit von einer Leading Lady entfernt, daran ändern auch vier verschiedene Kleider und mehrere Frisuren im Lauf des Abend nichts. Nött halt. Völlig überflüssig war das Finale des ersten Teils. Wer auch immer auf die glorreiche Idee gekommen ist, dass sich "Do you hear the people sing" dafür eignet, von einem Enjolras in Begleitung von ein paar Background-Vocals konzertant gesungen zu werden, sollte strafweise Barrikadendienst verrichten. Zwar war der französische Einstieg wieder witzig, aber besser aussprechen kann er es immer noch nicht. Peuple klingt bei Ramin weiterhin wie etwas, das eine Ziege als Kommentar zu saurem Gras fallen lässt. ;-) Sein verzweifelter Versuch, das Publikum schließlich zum Studentenchor zu machen, ist grandios gescheitert. Eine Art peinliches Unding kam heraus. Als die besonders piepsige blonde Backgroundsängerin "The blood of the martyrs will water the meadows of France" kiekste, dachte ich: WTF? statt WDF! (Insider!).

- Pause -

Der zweite Teil startete mit SUNSET BOULEVARD. Ein erklärtes Lieblingsmusical, sowohl von Ramin als auch von mir. Er brauchte wieder etwas, um in den Titelsong reinzukommen. Kaltstart liegt ihm einfach nicht. Und "Too much in love to care" war fein, auch wenn ich bereits erste Symptome einer übernöttung hatte, als Celia Graham in Kleid Nummer drei und Frisur zwei(einhalb?) die Bühne betrat. Nachdem der talentierte britische Teenager dann mit Bällen oder Tönen jongliert hatte, wurde es endlich spannend. Ramin kündigte zwei komplett neue Songs an, die im Jänner auf seinem Album erscheinen werden. "Constant Angel" und "Coming Home". Und ich muss sagen: I like. Ganz viel sogar. Es sind durchaus Songs "im Theaterstil", die Ramins Stimme entgegenkommen, zuckersüße Melodien haben und mit Orchester super klingen. Das lässt Vorfreude aufkommen! Und dann war es endlich so weit. Die Nacht mit dem PHANTOM wurde eingeläutet. Nach einem Orchestermedley starteten Ramin und Celia mit dem Hauptduett. So kurz nach Sierra Boggess und Sarah Brightman ist das für mich schwer. Aber sie hat es ganz ok gemacht. Nett. Sogar ohne ö. Und dann hat Ramin den Vergleich doch noch heraufbeschworen, als er sich an "All I ask of you" wagte. Und nein, er wird nie ein guter Raoul sein. Nicht mal ein recht guter. Falls das zu beweisen war, hat er es jetzt bewiesen. Ich hatte andere Bilder vor Augen und andere Klänge im Ohr dabei. Nach den Sternen greifen ist einfach nicht gut für Ramin. ;-)
Und dann ist es passiert. Die ersten paar Töne des Coney Island Walz und die Tränen waren da. Fort die sarkastische Distanz, fort die geistreichen Bonmots und fort sogar der eingebildete Vicomte de Chagny. Weil die Liebe plötzlich wieder unsterblich war. Und ich tragischerweise erkannt habe, dass mein Herz immer noch auf Coney Island weilt. Und die Sehnsucht so groß ist, so groß. LOVE NEVER DIES hat mir so viel bedeutet. Und ich werde immer stolz und dankbar sein, dass ich es bis zum bitteren Ende erleben durfte. Celia sang das Titellied grandios. In dieser Rolle wächst sie über sich hinaus, die ist der perfekte emotionale Gegenpart zu Ramin, ein flatterndes, zögerndes, schlagendes und schmelzendes Herz inmitten von einem riesigen Klanggebäude. Das verlorene Kind, zerrissen zwischen Liebe und Liebe. Und dann, am Ende, brilliert das Phantom mit den beiden großen (und vielleicht größten) Arien, "Til I hear you sing" und "Music of the night". Ja, dafür reist man nach Manchester. Dafür könnte man auch einmal um die ganze Weltkugel reisen. Weil es so ein Phantom nicht so schnell wieder geben wird. Ja, es gibt andere. Und manch einer ist auch wirklich gut. Aber Ramin ist mehr als das. Er ist - im wahrsten Sinn des Wortes - PHANTASTISCH. Und auch wenn er die Maske abgelegt hat, wird er sie für mich immer tragen. Verbeugung und aus. It's endgültig over now, the music of the ...





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