Samstag, 8. Oktober 2011

+++Theaterkritik+++ Phantom 25

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So also fühlt es sich an, bei einem Jahrhundertereignis dabei zu sein. Sogar jetzt noch, während sich das Erlebnis schon nach und nach von mir entfernt, bekomme ich eine Gänsehaut bei Ramins Beginn von "Wandering Child". Aber ich fange besser vorne an.

Seitdem Les Misérables das Vierteljahrhundert gefeiert hat, ist Ramin Karimloo für mich der absolute und uneingeschränkt leuchtendste Star des West End. Er hat einfach alles, was es braucht. Bildschön, charmant, mit einer phantastischen Stimme, die man unter tausenden wieder erkennt und dazu eine Gabe, eine Rolle so perfektionistisch einzustudieren, dass es nicht mehr Schauspiel, sondern Genie ist. Mit einem kurzen Wort: Ramin ist ein Gott der Bühne. Als es im Frühjahr hieß, dass er die Rolle seines Lebens, das Phantom, beim 25th Anniversary in der Royal Albert Hall ein letztes Mal singen wird, war für mich längst klar, dass ich dabeisein muss, egal, was es kostet und egal, wie kompliziert es wird. Dass das Wochenende der Jubiläumskonzerte ausgerechnet mit dem jährlichen Montségur Autorentreffen und meinem Probenbeginn in der Oper kollidiert ist, hat es dann tatsächlich so schwer wie möglich gemacht. Aber es war nicht denkbar, nicht hinzufahren. Schließlich liebe ich dieses Musical seit ich 9 Jahre alt bin.
Also habe ich gebucht und bin innerhalb von nur 15 Stunden von Frankfurt nach London und von London nach Wien geflogen. Und all das hätte ich auch ohne Hadley gemacht. Aber nur durch Hadley ist es dann tatsächlich ein Jahrhundertereignis geworden. Aber ich fange besser mit Hadley an.

Ebenfalls beim Les Mis Jubiläum fiel ein junger Mann als Grantaire auf. Der Name: Hadley Fraser. Ramins bessere musikalische Hälfte, Partner in Crime bei ihrer gemeinsamen Folkband Sheytoons. Es ist wahrscheinlich die schwierigste Sache der Welt, neben seiner Göttlichkeit Ramin zu glänzen und Hadley ist für mich erst durch Twitter so richtig aus dem Schatten in die Sonne gewandert. Dort brilliert er nämlich durch Eloquenz, Witz und Sprachkunst. Beispiel gefällig? Iggy Pop is made entirely of old walnuts. Apart from his hair, which is half lion-mane, half mithril. Das ist Hadley. Als Hadley nun von besoffenen Studenten zum bulldoggigen Inspektor aufgestiegen ist und der neue Javert des West End wurde, war ich neugierig. Wie wird sich der komische Hipsterkauz in dieser von mir hochgeschätzten, schwierigen Rolle schlagen. Ich mache es kurz: Er schlug sich so, dass es für mich fortan Hadley schlug. Und jetzt, werte Leser, fängt das Märchen an.

Denn aus unerfindlichen Gründen hatte Phantom 25 keinen Monat vor der Aufführung noch keinen Raoul. Nicht, dass das für mich von großer Relevanz gewesen wäre, ich konnte diesen faden Vicomte noch nie ausstehen, der da völlig zu Unrecht am Ende die Frau kriegt, obwohl man ihn schon vergisst, während er noch All I ask of you säuselt. Ein ähnlich gearteter Fall wie Marius in Les Mis (Victoria, ich höre den Protest, ich ignoriere ihn aber weiterhin), arroganter, blasser Adliger ist einfach nicht mein Typus, ich mag die Helden, die Monster, die Tragöden und Bösewichter sämtlich lieber. Dann aber passierte das Unfassbare: Nach einer gut zweiwöchigen Geheimniskrämerei wurde tatsächlich Hadley Fraser als Darsteller von Raoul bestätigt. Hätte ich nicht schon Karte und Flugticket besessen, jetzt hätte ich sie mehrfach erworben. Und endlich fängt nun das Jahrhundertereignis an.

Um 15:20 Ortszeit ist unser Flieger in London gelandet und Victoria und ich sind direkt zur Royal Albert Hall gefahren. Dort haben wir uns mit Anja und Pia getroffen. Übermüdung und Anreisestress waren spätestens weg, als wir endlich in der gigantischen 5000 Menschen Halle standen, wo es nicht nur dank der Pyrotechnik vor lauter Erwartung und Begeisterung geknistert hat. Einer von diesen Momenten eben, wo man weiß, dass gerade Geschichte geschrieben wird und man mittendrin ist. Unsere Plätze waren zwar weit oben, aber eigentlich gar nicht schlecht, zumindest waren wir näher an der Bühne (und an Loge 5!) dran als ich zu hoffen gewagt hätte. Die Stimmung im Saal war toll. Nach einer spitzen Auktionsszene mit niemand geringerem als Earl Carpenter als Auktionator, wurde der Luster, der schön authentisch zwar nicht wie sonst üblich auf der Bühne liegend sondern bereits hängend von einem Tuch verhüllt war, illuminiert. Ta-ta-ta-taaa-tata. Gänsehautus totalus. Phantastisch die Hannibal-Probe, bei der offensichtlich das halbe West End auf der Bühne stand, inklusive eines Christine-Ballettcorps, der vielleicht noch ein paar Tanzproben gebraucht hätte, aber dafür ein herrliches Rebus-Rätsel für den Insiderzuseher bot. Die Produktion in der Albert Hall war ja als "Fully Staged" angekündigt, also keine konzertante Version wie bei Les Misérables. Mit Sierra Boggess als Christine und Liz Robertson als Madame Giry standen neben Ramin noch zwei Premierenstars von Love Never Dies, Webbers tragisch gescheitertem Sequel, auf der Bühne. Ein schönes Zeichen, fand ich als überzeugte Vertreterin von LND-Forever. Beiden merkte man an, dass ihre Rollengestaltung durch die Fortsetzung eine viel größere Dimension angenommen hat, die Figuren mit dem Wissen um Coney Island zu erleben, war etwas ganz Besonderes. Herrlich das Operndirektorenduo Barry James und Gareth Snook. Zwei Komiker der Extraklasse. Wunderbar auch die Carlotta von Wendy Ferguson und der Piangi von Wynne Evans. Ganz gut aber etwas blass war für mich die Meg von Daisy Maywood, aber vielleicht kommt mir das nur so vor, weil Meg in Love Never Dies so viel präsenter ist.
Ausgezeichnet dann Think of me interpretiert von Sierra, sie ist nicht nur eines der schönsten Musicalgesichter derzeit sondern vor allem auch eine traumhafte Sängerin mit genau dem nötigen Brightman-Operntimbre, aber weit mehr Körper und Kraft als die gute Frau Brightman einst. Wishing you were somehow here again hat sie wie von einem anderen Stern gesungen, nie habe ich es besser gehört!

Dennoch waren meine Augen natürlich auf die Loge gerichtet, von wo aus der Vicomte de Chagny seine Jugendliebe anhimmelte. Und mein Gott, Hadley sah natürlich aus wie Hadley nur irgendwie schöner. :o) Unglaublich, mit welcher Präsenz er in jeder Rolle auftritt. Sein Raoul ist kein blasser Warmduscheradliger, sondern ein arroganter, von sich selbst eingenommener, glutheißer Jungspund, der sich Christine in den Kopf gesetzt hat und sein Ziel verfolgt. Nicht liebenswerte Trotteligkeit sondern brutaler, kaltintellektueller Siegeswille liegt in seinem Blick, wenn er Christine ansieht. Nicht mit fadem Trost umarmt er sie in All I ask of you, nein, was sie zu ihm hinzieht ist die Kompromisslosigkeit und eitle Intelligenz eines Mannes, der weiß, dass er alles bekommt, was er haben möchte. Und das macht ihn annähernd unwiderstehlich und erstmals zu einem echten Gegner fürs Phantom.

Womit wir bei Ramin wären. Es ist schon so viel zu Ramin gesagt worden und ich möchte das Viele nur um eines ergänzen: Ob das Phantom jung oder alt ist, hübscher oder hässlicher, beweglicher oder schwerfälliger, das ist Geschmacksache. Aber es hat mit Sicherheit kein Phantom gegeben und wird vermutlich auch keines mehr geben, das all die Schichten, Aspekte und emotionalen Tiefen dieser Figur so überzeugend und so bedingungslos echt ausschöpft wie Ramin Karimloo. Jede Geste und jeder Ton ergeben ein herzzerreißendes Ganzes, das so viel mehr ist als Ramins hübsches persisches Gesicht, so viel mehr als eine einfache Bühnenrolle. Ramin ist das Phantom unserer Zeit und aller Zeiten, der verkörperte Schmerz des Hässlichen angesichts von Schönheit. Die Schönheit, die in Musik steckt, oder in Liebe. Erst Ramins Phantom hat mich das vollständig verstehen lassen. Und seinetwegen werde ich jetzt nie mehr an dieser bittersüßen Tragödie des menschlichen Herzens zweifeln: Dass Sehnsucht und Begehren die Bedingung für die Kunst sind, die aus Schönheit und Schmerz entsteht.
Point of no return und Final Lair waren schließlich wie ein Traum, den ich atemlos und am Ende weinend verfolgt habe. Wie mir immer wieder das Herz bricht, wenn das Phantom Christine gehen lässt und mit dünner Stimme und feuchten Wangen zum Klang der Spieluhr singt. Was Ramin dabei macht, das kann man nicht beschreiben. Das muss man sehen.

Als am Ende nach einer wunderbar emotionalen Ansprache von Andrew Lloyd Webber und zwei Phantomquintetten +Brightman als Zugabe das Licht in der Albert Hall anging, war alles ein bisschen voller und leerer, ein bisschen schlimmer und besser. Nachdem wir uns restauriert hatten, die Spuren der Tränen entfernt waren, haben wir am Stage Door auf die Helden des Abends gewartet. Ein Autogramm von Hadley haben wir ergattert und Victoria ist es sogar gelungen "You were truly magnificent" zu sagen. Ramin und Sierra blieb nichts übrig als in ein Auto mit laufendem Motor zu springen und abzufahren, sonst hätte sie die wartende Meute wohl wie Süskinds guten Grenouille einfach aufgefressen. Es war auf jeden Fall ein Abend, den ich nie vergessen werde. So endet die Musik der Dunkelheit. Danke Ramin. Danke Hadley. Danke Victoria und Anja, meine Mitreisenden, Mitleidenden, Mitweinenden.



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