Mittwoch, 14. Dezember 2011

+++Theaterkritik+++ Ramin Karimloo ist Jean Valjean


Die wichtigste Frage lautet: Kann Ramin alles? Denn nach seinen riesigen Erfolgen als Phantom der Oper in Webbers gleichnamigem Musical, im Sequel Love Never Dies und beim gigantischen 25th Anniversary Concert in der Royal Albert Hall übernimmt er die Hauptrolle in Les Misérables. In dem Musical, in dem er vor Jahren das Handwerk gelernt hat und als Enjolras aufhorchen ließ. Die Rolle des Studentenführers sang er im Herbst 2010 auch beim 25jährigen Jubiläumskonzert im O2. Und nun ist er der neue Jean Valjean des West End. Ich muss zugeben, so sehr ich Les Mis immer geliebt habe, so wenig war ich von Valjean fasziniert. Javert, der große Antagonist, Enjolras, der junge Held, Grantaire, der philosophische Trinker, Eponine, die tragisch Liebende, das waren meine Figuren. Zu Valjean bin ich lange nicht durchgedrungen. Eigentlich bis ich Drew Sarich in der Rolle gesehen habe. Er war der Erste, der ihn nicht als akut Heiliggewordenen angelegt hat, sondern als wilden, weltfremden, gezeichneten Strafgefangenen, bis zum Ende. Nie vorher und nie nachher hat es jemand in dieser Perfektion geschafft, mich von einer Figur hundertprozentig zu überzeugen.

Und jetzt übernimmt Ramin von Alfie Boe, der zwar eine Opernstimme aber kaum Schauspielbefähigung besitzt und Jonathan Williams, der wiederum nicht meine weltliebste Stimme hat, aber ein ungeheuer feinfühliger, echter Darsteller ist. Mein erster Gedanke war: Für diese Rolle ist Ramin überqualifiziert! All die faszinierenden Details seiner Gestik, die Disziplin seiner Charakterzeichnung, die Präzision der Momente, all das ist bei Valjean eigentlich überflüssig. Weil Valjean fast nur über die Emotion funktioniert. Aber was tut Ramin? Das, was er am besten kann. Er nutzt detaillierte Gestik, disziplinierte Charakterzeichnung und präzise Momente FÜR die Emotion. Und macht damit schon wieder alles richtig.

"An der Gestaltung von Valjean ist wichtig, dass er zwar erlöst ist, aber nie ausruhen kann, immer am Sprung bleibt", sagt Ramin selbst über Valjean. Und trifft damit ins Schwarze. Wie immer bei Ramin sind es die Details, auf die es ankommt. Wie er bei der ersten menschlichen Berührung durch den Bischof wie vom Blitz getroffen wegzuckt und ihm dafür ein "forgive me!" zuflüstert, als er ihn vor den Polizisten rettet. Das Misstrauen, das ihm bleibt. Er wirft den Thénardiers den letzten Geldschein nicht hin, sondern rückt ihn erst raus, als er Cosette an der Hand hat. Die echten Tränen bei Bring Him Home. Und - das hab ich so auch zum ersten Mal gesehen, Sonja, Elli, berichtigt mich, falls das nicht von ihm ist - als die Barrikade fällt, im letzten Schusswechsel, kämpft er nicht mit, sondern probiert sofort, ob er das Gitter aufbekommt und wirft sich schützend über Marius. Er rettet ihn also nicht einfach durch glückliche Umstände, sondern aktiv. Das war großes Kino.

Trotz einer leichten Erkältung, die man allerdings nur bei den ersten paar a capella Tönen von Bring Him Home und vielleicht ein wenig bei "took my flight" hört, singt er von Anfang bis Ende auf höchstem Niveau, baut die eine oder andere rockigere Ecke ein, was aber legitim ist, das hat Drew auch gemacht, und schafft es vor allem bei der Soliloquy mir alter Les Mis Fregatte Tränchen in die Augenwinkel zu singen. Das hat es seit Drews Who am I nicht gegeben. Sehr, sehr schön auch seine la-lalalala-lalala Variationen mit der kleinen Cosette und seine sehr strenge, fast harte Haltung in der Szene mit der großen Cosette. Dieses "You will learn" und das gesamte "one day more" danach zeigt einen Einsamen, Getriebenen, der nicht einmal zu seiner so geliebten Ziehtochter wirklich Nähe aufbaut, sondern stets ein Außenstehender bleibt. Das behält er konsequent bis zum Finale bei. Doch er wäre nicht Ramin, wenn das die einzige Ebene wäre. Denn ganz besonders neben Hadley Frasers genial hartem, hündischen Javert zeichnet Ramin eine ungeheuer zärtliche Liebe zu den Menschen auf die Oberfläche, eine fast scheue Zuneigung, die einem in Kombination mit der Rastlosigkeit diesen Valjean mitten ins Herz katapultiert. Man merkt, dass er die Romanvorlage sehr genau gelesen und sich intensiv mit der Figur beschäftigt hat. Er hat natürlich genau den passenden Tonfall dafür in seiner so variablen, emotionalen Stimme, doch es ist eine große Kunst, all diese Schichten dann auf der Bühne mit Leben und Präsenz zu füllen. Und dafür gebührt ihm der tobende Applaus am Ende. Denn man hätte Valjean weitaus spektakulärer in Szene setzen können, wenn man der Superstar des West End ist. Man hätte auf die Torte scheißen können. Aber Ramin ordnet die Selbstinszenierung der Wahrheit des Spiels unter. Und dafür gebührt ihm letztlich meine tiefe Verbeugung. Die Antwort ist: ja! Er kann wirklich alles.


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1 Kommentare:

Sonja hat gesagt…

Danke für die ausführlich Kritik - ich FREU mich auf März :)
(Ich kenn die Kanaldeckelszene noch nicht so wie Dus beschrieben hast!)

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