Montag, 26. Dezember 2011

Virtuelle Menschen

Eine Frage, die mich seit kurzem beschäftigt, ist die nach der Realität von Virtualität. In letzter Zeit häufen sich die Meldungen von frustrierten Facebookusern, Twitterern, Youtubern und Bloggern, die sich nach mehr Realität sehnen und ihre Accounts löschen, weil ihnen das Internet zu virtuell ist. Bedenklich stimmt, dass das Internet ja nie etwas anderes als virtuell war. Wir haben es also mit lauter freiwilligen Virtuellen zu tun, die eines Tages plötzlich draufkommen, dass sie gar keine fünfhundertachtundsechzig Freunde haben, sondern, wenn sie ihr Telefonverzeichnis durchgehen, um jemanden auf einen Kaffee zu treffen, die Auswahl zwischen Mutti, dem Installateur und dem Take-Away-Chinesen haben.
Aber ist das tatsächlich ein Problem der virtuellen Welt? Ich selbst habe Facebook ja sehr lange verweigert, bin relativ spät in soziale Netzwerke eingestiegen, MySpace, StudiVZ, das ist alles an mir vorüber gezogen. Trotzdem sind einige meiner allerbesten Freunde Menschen, die ich möglicherweise ohne das Internet nicht kennengelernt hätte. Aber ich persönlich zähle jemanden erst zum Freundeskreis, wenn wir mindestens einmal zusammen Tränen gelacht oder Tränen geweint haben. Und das Internet hat ja viel zu bieten, aber keine echten Tränen. :,-( und *rotfl* zählen nicht. Unterm Strich geht es um das Gefühl, das man hat, wenn man jemandem in die feuchten Augen schaut oder der Klang seines Lachens hört.
Ich behaupte also, dass die Virtualität ein klarer, stiller See ist. Sie spiegelt die Realität, so lange man von außen drauf blickt, ohne zu viele Wellen zu schlagen. Dann kann man sie nutzen, um darin zu fischen, oder auf einer Luftmatratze liegend in die Sonne zu schauen. Taucht man jedoch zu tief ein oder schwimmt ununterbrochen weite Strecken, verzerrt sich das Bild und man sieht nur noch den eigenen sich fortbewegenden Körper. Keine Spiegelung des Himmels und der Sonne mehr. Jeder weiß, dass das eine Grenze ist. Denn wer draußen am Ufer steht, findet das Wasser kalt und wer im Wasser hockt, will nicht nach draußen an die kühle Luft. Der See trägt aber daran keine Schuld. Es ist der Mensch, der schwimmen geht, es ist die individuelle Entscheidung, die Realität und Virtualität verschmelzen lässt.
Es gibt Momente im Kreis meiner liebsten Freunde, wo ich mich unendlich reich beschenkt fühle. Es gibt Umarmungen, die noch Tage später in meinem Herz gespeichert sind, der Klang gemeinsamen Lachens, das Nebeneinandersitzen wenn auf der Bühne echte Menschen Welten mit ihren Stimmen erzeugen. Ich habe mich ja schon oft gefragt, was das Theater neben 3D-Kino am Leben erhält. Und da sind wir der Lösung schon verdammt nahe. Die Aura ist es. Die Aura, die ein Mensch um sich hat. Diese Aura verschwindet nicht im virtuellen Raum oder auf der Kinoleinwand. Aber spüren, einatmen und energetisch wahrnehmen kann man sie nur in der Realität.
Für mich ist das Internet mit seinen Möglichkeiten einfach ein Dienstleister. Facebook ist ein höchst modernes Kommunikationsmittel, Videotelefonie ein Segen in einer immer offeneren Welt der Distanzen, Youtube ein cooler Service, Online-Shopping eine Alltagserleichterung und dieser Blog eine Sammlung von Gedanken und Neuigkeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Ich bin viel im Internet. Aber es ist für mich eben nur das Internet. Und wenn sich der Bildschirm ausschaltet, spiegelt sich in ihm das, was real ist. So einfach ist das.


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