Ich habe das sonderbare Gefühl, dass wir uns in einer Seifenblase befinden und weit über der Erde fliegen, von wo aus wir zusehen, wie die restliche Welt komplett zum Stillstand gekommen ist. Nichts bewegt sich, selbst die Luft ist flaumig und starr wie Zuckerwatte, in der einem das Atmen schwerfällt.
»Aber wie kann man so sicher sein?«
Die Stimme eines kleinen Jungen, mein Herz auf dem Silbertablett im Königreich Nirgendwo.
»Man kann nie sicher sein«, antworte ich sehr leise, »und womöglich muss man riskieren, Fehler zu machen. Sehr große Fehler. Dann fährt man um die halbe Welt, setzt alle Hebel in Bewegung, um sie, so gut es geht, auszubügeln. Aber wenn man nie auf Bäume klettert, wird man nie über das Blätterdach bis zum Horizont sehen. Ich denke, es zahlt sich aus, auch wenn man fällt oder sich beim Abstieg Schürfwunden an den Knien holt.«
Er lächelt und legt mir beide Hände auf die Schultern.
»Wünsch mir Glück!«
»Das tue ich, mehr als alles andere.«
»Freunde ?«
Ich denke über das Angebot nach. Einen Versuch ist es wert, vermutlich.
»Freunde.«
Er zieht mich an sich, unsere Lippen nähern sich einander, und ich stehe allein mitten in einer Sommerwiese voller Löwenzahn, ein Geruch wie der erste Ferientag nach Schulschluss, wenn frisch aufgeblühte Knospen Duftstoffe abgeben, die sich wie eine Dunstglocke über Felder und Wälder legen. Freiheit riecht so, denkt mein leicht gewordener Kopf, Freiheit, Sehnsucht und ganz viel Liebe.
Im letzten Moment nimmt der Kuss die Kurve und platziert sich zärtlich auf meiner Wange. Eine Erinnerung von Löwenzahnblüten ist alles, was meinen Lippen bleibt, während ich den Druck mit meinen Schläfen gegen seine erwidere, zitternd wie ein einzelner Grashalm im Sommerwind.
»Alles Glück der Welt«, flüstere ich in sein Ohr.
(aus: "Hexendreimaldrei")

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