Montag, 28. Januar 2013

Tandem - Woche 13

Tandem der Woche ist ein gemeinsames Projekt von Elsoron und mir. Montag ist Tandem-Tag, jede Woche gibt es ein Fundstück zu entdecken, sei es ein Bild, ein Zitat, ein Video oder ein Song, zu dem wir unabhängig voneinander jeder einen kurzen Text schreiben werden.

(c) Elsoron
Trifft der Kuss die falschen Backen
Hängt dir wohl das Haar am Nacken
Und auch vorne viel zu weit
Dass es nach nem Haarschnitt schreit.

Kannst das Küssen nach dem Schneiden
Du dann immer noch nicht leiden
War es wohl der falsche Gaul
Pony, hör stets auf dein Maul!

(Alte Leoganger Ponyweisheit)

Hier geht es zu Elsorons Blog. Der Pfad führt durch den Wald.


Montag, 14. Januar 2013

Filmkritik - Les Misérables


Folgendes möchte ich vorausschicken: Dieser Film ist einer, auf den ich wie so viele Les Mis Fans der ersten Stunde seit gut fünfundzwanzig Jahren warte. Es ist ein Film, dem ich ebenso entgegenfiebere wie ich ihn fürchte, denn wie kann man diesen großartigen, unvermusicalbaren, unverfilmbaren Stoff nun, nachdem er sich schon gegen alle Regeln auf die Bühne bringen ließ, auf die Leinwand bannen. Sprengt das nicht alles bisher Dagewesene? Ja, das tut er. Aber von vorn.

Was auch immer sich die Produzenten dabei gedacht haben, bis zu zwei Monate Abstand zwischen den Startterminen in verschiedenen Ländern vergehen zu lassen, hat Sonja, Victoria, Astrid und mich veranlasst, nach Sopron zu reisen. Denn während man "Les Misérables" in England erst seit zwei Tagen und im deutschsprachigen Raum gar erst in über einem Monat sehen kann, ist er in Ungarn bereits angelaufen. Seltsame Welt. Wie man hört, sollen sowohl die Erstellung einer Synchronfassung als auch eine kleine Tolkien-Verfilmung schuld daran sein, dass so spät gestartet wird. Denn natürlich will man große Säle füllen. Gerechtfertigt? Ja. Das hier ist nicht "wieder so eine Musicalverfilmung", das ist eine grandiose Neuentdeckung eines epochalen Musiktheaterwerks, filmisch außergewöhnlich gut umgesetzt.

Beginnen wir mit - wie könnte es anders sein - Jean Valjean. Hugh Jackman verkörpert diesen starken Gebrochenen, der wegen Diebstahls eines Stückes Brot zu neunzehn Jahren Straflager verurteilt wurde. Und heilige Mutter Gottes, ist das in den ersten Szenen ein Valjean! Körperlich weit davon entfernt eine Bärenstatur zu haben, gleicht Jackman das durch ein glühendes Feuer in den Augen aus, das einen schon in den ersten Bildern, wo die Gefangenen im Wasser kämpfend ein Schiff einseilen, vom Kinosessel haut. Ausgezehrt, hässlich fast sieht er aus, dieser Mensch mit geschorenem Schädel und Vollbart. Doch die Augen, die Augen sind riesengroß. In der Szene mit dem Bischof (herrlich väterlich augenzwinkernd Colm Wilkinson, der Ur-Valjean, für Musicalfans ein Awwww-Moment), bekommen die Augen etwas Kindliches und danach im Gebet, als Valjean beschließt, ein neues Leben zu beginnen, hat Jackman mich tatsächlich dazu gebracht, ihn für Gott zu halten. Nie habe ich "What have I done" so intensiv und überzeugend gehört. Es war ein Erlebnis, das später im Film nur eine einzige Szene toppen konnte.
Ich muss sagen, weiter im Film blieb Jackman zwar stark, hatte aber nicht mehr die Intensität vom Anfang. Die Beziehung zu Cosette arbeitet er gut heraus, ebenso das ewige Duell mit Javert. Aber spätestens auf der Barrikade passiert ihm ein Missgeschick, das valjeantechnisch katastrophal ist. Er versemmelt "Bring him home". Versemmeln ist gar kein Ausdruck. Er verbrotet, vertoastet und verschmort es restlos. Das ist ein Drama. So gern hätte ich ihn himmelhoch valjeanisiert und verehrt, aber man darf die Hauptarie nicht in den Sand setzen. Statt die Möglichkeiten des Films auszunützen und es zart und leise zu singen, presst er mit schon etwas lädiertem Tenor Töne heraus, die wehtun, und ich verstehe nicht warum. Er ist nicht Alfie Boe und braucht es nicht zu sein. Schade. Zwar gelingt ihm später etwas, das ich bei Valjeans sehr schätze: Den Strafgefangenen bis zum Ende in sich zu tragen, das Funkeln in den Augen zu behalten, aber ganz tröstet es mich nicht drüber weg, trotzdem er dem Vernehmen nach sieben Liter Wasser am Tag getrunken haben soll und gigantisch viel für Valjean trainiert hat.

Kommen wir zu seinem Gegenspieler. Russel Crowe als Javert, der es für die Erfüllung seiner Pflicht und eine Lebensaufgabe hält, Valjean wieder ins Straflager zu bringen. Was habe ich über ihn geschimpft. Wie ein Rohrspatz. Wie kann man nur? Das darf doch nicht! Also, es ist so: Ich persönlich mag Russell Crowe nicht. Mochte ihn noch nie. Das beiseite gelassen spielt er eigentlich einen wirklich anständigen Javert. Stellenweise (etwa die Begegnung mit Valjean auf der Barrikade "Shoot me now") sogar wirklich außergewöhnlich gut. Ich selbst ziehe bluthundhafte, bösere Javerts vor, Crowe entscheidet sich für eine sehr sanfte Version. Das ist möglich. Fast leichtfüßig wie ein Drahtseilartist balanciert er bei Stars und später bei Suicide über dem Abgrund, selbst in seiner Wut hat er noch eine Art Dackelblick (nein, das meine ich nicht mit hundehaft!), nie kriege ich das Gefühl, dass er Führungsqualitäten hat. Aber egal, es ist eine Möglichkeit und er spielt es stark, mit guter Mimik. Nun zu seinem wirklichen Handicap: Er kann nicht singen. Es ist nicht katastrophal, dazu ist er zu klug, er singt alles ziemlich sprechgesangig. Ab und zu, wenn er in die Tiefe geht, denke ich, das wäre doch gegangen. Aber bei den Höhen kann ich nun stumm den Kopf schütteln. Es geht einfach nicht. Man kann Musiktheater nicht sprechen, bei aller Anerkennung für seine Mühe. Es reicht nicht. Emotion trägt hier eben die Musik und da gehen ihm eben 50% von dem verloren, was die Rolle sein kann.

Und jetzt das Highlight. Anne Hathaways Fantine ist das verflucht Großartigste, das ich im Genre Musicalverfilmung je gesehen habe. Mit Mut zu Hässlichkeit, Mut zu purer Intensität und Mut, ein gefühlt tausendmal gehörtes Lied, das wirklich jeder kennt, zu brechen, neu zu entdecken und zu leben. Auf der Bühne ist das ja immer alles so sauber. Man sieht Fantine nicht dabei zu, wie ihr die Haare geschoren, die Zähne gezogen und die Beine breit gemacht werden. Da ist sie zu hübsch, zu weiß gewandet, zu rein. Im Film landet sie nach dem ersten Hurenjob in diesem Schiffskajütenbett auf dem Rücken, Blick zur Decke, die Scham tropft ihr aus den Augen und in diesen Moment setzt Tom Hooper "I dreamed a dream" (das im Musical normal viel früher gesungen wird). A capella beginnt Hathaway zu singen, leise erst, verloren und steigert sich im Lauf der Arie, bis ihr die Tränen über die Wangen laufen, immer wieder vergräbt sie den geschorenen Kopf in den Händen angesichts ihres verpfuschten, elenden Lebens, ekelt sich vor sich selbst und man sitzt, weint und begreift Fantine zum ersten Mal. Scheiße, war das gut. Man gebe ihr einen Oscar und verbeuge sich tief. Das ist kein bildhübsches Hollywoodpüppchen, das ist eine ganz große Schauspielerin.


Cosette und Marius, die waren auch überraschend gut. Schon Isabella Allen als kleine Cosette muss man loben, ein sehr begabtes Kind. Amanda Seyfried zirpt ab und zu etwas schief, sieht aber hübsch aus und holt aus Cosette raus was man eben rausholen kann. Ich hätte sie mir etwas aktiver gewünscht, trotziger. Aber das wünsche ich mir immer und es passiert nie. Eddie Redmayne als Marius dagegen verkörpert alles, was ein Marius braucht. Eine leise adlige Arroganz verdeckt durch viel politischen Aktionismus, ein interessantes Gesicht, eine super Stimme und ein glänzendes Revulitionärgehabe. Über weite Strecken des Films denkt man tatsächlich, dass er der Anführer der Revolution ist, was auch damit zu tun hat, dass Aaron Tveit als Enjolras etwa so viel Charisma besitzt wie meine Nachttischlampe (mit Energiesparbirne!), also gleich null. Ich wäre dafür gewesen, ihn früher zu erschießen, aber aus unklaren Gründen halten ihn die Gegner offenbar für den Anführer und so darf er (hübsch buchkonform übrigens mit Grantaire George Blagden - hübsch aber bloß Statist - an seiner Seite) als Letzter über den Jordan samt roter Flagge. Die so wunderhübsche Beziehung Enjolras-Grantaire ist völlig vernachlässigt. Generell wurden die Studenten allesamt gecastet, um als beste Freunde des Helden nicht zu adrett, charismatisch oder interessant zu wirken. Dass dann auch die größten musikalischen Kürzungen die Studentenszenen betreffen verwundert nicht. Immerhin tut sich der süße Fra Fee als Courfeyrac fleißig hervor und hin und wieder ist Alistair Brammer als Jean Prouvaire hübsch im Bild, aber generell hätte man sich da auch mit Statisterie behelfen können. Ist okay, der Film hat eben einen anderen Fokus. Aber für Ami(e)s de l'ABC, für Enjolras-Groupies wie mich und Musicalpuristen ist das alles schon ein bisschen traurig. Auch die Thénardiers, so prominent mit Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen besetzt, gehen ein wenig unter. In "Master of the House" passiert einfach zu viel rundherum als dass man sich auf sie konzentrieren könnte und ihre weiteren Szenen sind sehr gekürzt, bis hin zur Streichung von Thénardiers Kanalarie, um die es mir leid tut. Am Ende versteht man nicht ganz, warum sie sich für so toll und unbesiegbar halten. Auch da war der Fokus eindeutig ein anderer. Daniel Huttlestone war dafür ein sehr präsenter Gavroche, durfte ein zusätzliches Ströphchen zur Revolution singen und um Eponine weinen. 

Bleibt noch die einzige wirkliche Les Mis Bühnenbesetzung, Samantha Barks als Eponine. Ja, war auch da. Hätte sich irgendwie nicht aufgedrängt. Sie singt und spielt es gut, aber weit davon entfernt, einer Anne Hathaway auch nur von weitem das Wasser reichen zu können. Da wäre jemand Quirliger mit mehr Pfeffer im Hintern die bessere Wahl gewesen, dann hätte Marius wenigstens ein wenig grübeln dürfen, so ist klar, warum er die blasse Eponine nicht will. Wieder so ein Punkt, der eingefleischte Musicalfans enttäuschen wird.

Hadley Fraser  wiederum beweist erneut und immer wieder, dass ihm auch ein Cameoauftritt von kaum zwanzig Sekunden reicht, um alles zu seinem eigenen Ding zu machen. Mit einem kurzen Zögern, einem Stirnrunzeln gibt er einer Minirolle eine total andere Interpretation. Kann man nicht eine Cameo-Oscarkategorie erfinden? Einfach großartig. Ich verneige mich wieder einmal.

Was ist noch zu sagen?
Es gefällt mir, dass der Film die wunden Punkte und Lücken des Musicals schließt. Auf der Bühne verlorengegangene Elemente aus Hugos Roman wie Marius' Herkunft und Familie, Fauchelevant und Valjeans und Cosettes Flucht ins Kloster, Lamarques Begräbnis oder die Erschießung der Studenten, all das wird das Herz von Bücherfans wie Victoria erfreuen. Ebenso das grandiose Ende, das ich jetzt nicht spoilere, das aber zwei extreme Überraschungen auf Lager hat, die nacheinander für Begeisterung sorgen. Dass die Erfordernisse des Mediums Film viele Streichungen, Umstellungen und Textänderungen mit sich bringen, ist klar. Ich kann ganz gut damit leben, es ist Purismus, dass man als Mensch, der das komplette Musical auswendig kann, Szenen oder Sätze vermisst, besonders liebgewonnene. Prinzipiell gewinnt aber der Plot durch die klügere Filmdramaturgie enorm. Dazu kommt, dass Tom Hooper ein genialer Regisseur ist, der weiß, wie man so einen Epos in bildgewaltiges Gewand kleidet. Tolle Locations, Kamerafahrten, Szenenbilder, Kostüme und ein sehr moderner Stil runden das Bild ab. Ach ja, und Boubil und Schönberg haben sogar noch ein Lied neu komponiert. Brauchen tut es kein Mensch, aber es ist hübsch, stört nicht und gibt Valjean etwas mehr Tiefe.

So viel - wow, wirklich viel! - zu meinen ersten Eindrücken, ich muss den Film sicher noch ein paarmal sehen, um die Details besser bewerten zu können. 


Dienstag, 8. Januar 2013

Um jeden Meter mit dir!

















Weil Liebe nicht schwarzweiß ist
Und kein rosa Strumpfband trägt.
Weil Liebe stumm die Zeit misst
Und sich in die Kurve legt.

Weil Liebe sich umrundet
Und auch mal nach Gummi riecht.
Weil Liebe dich verwundet
Und dann in die Boxen kriecht.

Weil du und ich ex aequo
Uns gewinnen, uns verlier'n.
Weil trotzdem jeder Weg so
Schön ist, wenn wir uns erspür'n.


Donnerstag, 3. Januar 2013

Wir Mängelexemplare …

Eine sehr, sehr, sehr persönliche Buchbesprechung.

"Du bist kein Hauptgewinn. 
Du bist ein Mängelexemplar. 
Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar, 
und wenn da draußen jemand ist, der das sehen kann, 
dann ist er ein Hauptgewinn..."

Ich habe lange gezögert, Sarah Kuttners "Mängelexemplar" zu lesen. Aus purer Feigheit. Weil ich Angst hatte, dass es mir zu nahe kommt, zu sehr unter die Haut geht und sich dann dort festsetzt. Der Grund, warum ich Bücher über Depressionen zwar immer kaufe (für den Notfall), aber nie lese. Sie könnten mir zu bekannt vorkommen. Nicht im Sinne von geklaut, abgeschrieben, plagiiert, sondern im Sinne von Identifikation.

Eine Depression ist ein fucking Event, sagt Karos neuer Psychiater, der Popstar unter den Psychiatern zu ihr. Und das ist erstmal etwas, das einem im Gedächtnis bleibt. Ich muss sagen, ich war noch nie bei einem Psychiater, auch nicht in Psychotherapie, ich habe noch nie Psychopharmaka genommen und helfe mir, wenn es gar nicht anders geht, mit Johanniskraut. Oder mit einem Glas Rotwein, das mich schläfrig macht. Mehr nicht. Daher habe ich Karos Weg sehr genau verfolgt, ein bisschen voyeuristisch auch, so aus der Perspektive von jemandem in den Startlöchern, der überlegt, ob dieser Weg ein gangbarer ist. Denn wie Karo sage ich, wenn mich wer fragt, fast immer, dass ich natürlich keine Depression habe. Dass es mir nur grad ein bisschen schlecht geht. Aber dass das Bisschenschlecht sehr oft und sehr lang zu Besuch ist, das sag ich natürlich nicht. Weil ich ja nicht krank bin. Ich krieg das hin. Mussja, mussja. Gerade in solchen Passagen habe ich mich Karo sehr verwandt gefühlt. Jede Anwandlung von schlechter Stimmung rasch mit Witz und Charme kaschieren. Immer nur Lächeln. Immer nach außen das Gesicht bewahren. Selbst sehr guten Freunden gegenüber. Nicht schwach sein, lieber zusammenreißen, so war ich auch immer. Und am Ende bekommt Karo ihre Diagnose. Eine Depression, die sich gut versteckt hat. Und ich frage mich, wie entdeckungssicher solche Verstecke sind …

"Der nächste Morgen ist ein Arschloch. Ein altbekanntes Arschloch. Ich wache auf, und Unglück stürzt über mich herein. Und täglich grüßt das Murmeltier, nur dass ich einen Sonny-und-Cher-plärrenden Radiowecker jederzeit der immer wieder kehrenden Trauer deutlich vorziehen würde."

Ich schlafe viel. Schlaf ist mit Abstand meine Lieblingsbeschäftigung. Weil man, egal wie schwer einem was auf der Seele liegt, vergessen kann, sobald man über die Mauer geklettert ist. Die mit den Schäfchen und Wölkchen, jawohl. Nicht immer schafft man es über die Mauer, aber wenn, wenn, dann darf man ein paar herrliche Stunden wegtauchen. Das Hirn abstellen. Die Grübelei ist das Schlimmste, dass es den ganzen Tag rattertrattertrattertrattertrattert. Was hab ich in der Situation falsch gemacht, was kann ich ändern, wie kann ich den anderen davon überzeugen, dass alles anders wird und warum, zum Teufel, bin ich so traurig? Oh ja, Karo, beim Aufwachen ist sie wieder da, die Traurigkeit, verlässlich.

Aus dem Haus gehen ist immer ein Problem. Daheim ist alles gut, da kann man sich eingraben, muss niemandem was vorspielen, fühlt sich bei sich. Wenn rausgehen, dann nur in vertraute Situationen. Freunde treffen, das geht. Am Liebsten ins Kino, das hat einen ähnlichen Effekt wie schlafen, solange man die richtigen Filme aussucht. Oder Spieleabende. Badminton. Theaterbesuche. Unangenehmer sind so Einzeltreffen zum Essen oder zum Kaffee, wo man reden muss. Ich höre dann gern zu und frage viel, damit ich nicht über mich reden muss. Dabei tut es gut, zu reden, und ich habe so eine Hand voll Freunde, die wissen, welchen Knopf man drücken muss. R. zum Beispiel, die immer in mich reinsieht, egal wie stark mein Schutzschild ist. Und die stets kluge Sachen zu sagen hat und zu der ich dann auch kluge Sachen sage, bis ich mich ganz geheilt, erleichtert, optimistisch und bereit fühle, anzupacken. Bis das Murmeltier wiederkommt und alles von vorn beginnt. Was gar nicht geht in akuten Phasen, das sind so schreckliche Dinge wie Ämter, allein in Restaurants, zum Arzt oder in kleine Geschäfte, wo die Verkäuferinnen einen beraten. Das ist zu viel Fremdkontakt. Kontakt, bei dem es um mich geht. Was passiert mit meinem Geld/meinem Job, was will ich essen, wie geht es mir, was will ich kaufen. Ich fürchte mich regelrecht vor den Situationen. Ich meistere sie, weil bekanntlich mussja, mussja, aber ich mag sie nicht. Und an schlechten Tagen drück ich mich davor.

Ich bin ungeduldig. Schrecklich ungeduldig. Ich schaue dauernd auf die Uhr, egal ob ich wo hinmuss oder nicht. Ich lebe in der Uhrzeit, permanent unter Druck, weil Zeit vergeht, ich auf Dinge warte, Dinge nicht und nicht passieren oder ich Angst habe, zu spät zu kommen. Alles muss gleich passieren, sonst werde ich kribbelig. Manchmal mach ich tausend Dinge gleichzeitig und werde mit keinem davon fertig. Mit der Zahnbürste im Mund Mails beantworten, dazwischen Teewasser aufsetzen und schon anziehen, rasch, rasch und längst den nächsten Schritt im Kopf, wann muss ich los, wie viel Zeit hab ich, ach und ich habe vergessen, die Post von gestern zu öffnen, ich mach es schnell. Dabei bin ich nicht multitaskingfähig, ich muss die Musik, die ich höre, ausmachen, um auf Facebook zu lesen. So bin ich. Darum geht trotz der Ungeduld nichts weiter. Ich fang alles an und komme mit nichts zu Ende. Und ganz oft zerreißt mich das. Ich kann nichts genießen, weil ich immer schon an den nächsten Schritt denke. Im Urlaub, ach, eine herrliche Aussicht, aber Mist, ich muss in dreiundvierzig Minuten den Bus nehmen, das lässt mir nur noch vierzig, den Ort zu genießen, den Weg einberechnet. Und ach, verdammt, jetzt sind es nur noch neununddreißig. Tick tack, tick tack. So ist es immer.

“Aber auch Glück ist anstrengend. Ich finde nichts frustrierender, als neben einer auserwählten Person zu liegen und das Bedürfnis zu haben, ihr so nah wie möglich zu sein. Man kann sich umarmen und verknoten, bis man schwarz wird, man hat immer das Gefühl, noch näher sein zu wollen. Das sogenannte "In-den-Partner-reinkriechen-Wollen". Man wird nie nahe genug sein. Oder Sehnsucht. Wie oft das Einander-Vermissen schon romantisiert, Chris-de-Burgh-isiert wurde. Sehnsucht ist fürchterlich. Wenn man vermisst, kann man sich nicht mal im Kino ablenken, weil im Film am Ende doch immer alle einander haben.”

Menschen mit Depressionen durchziehen mein Leben wie ein roter Faden. Es ist fast so, als wäre ich ein Magnet, der sie anzieht. Oder umgekehrt, der von ihnen angezogen wird. Und ich bin immer so schrecklich hilflos im Umgang mit ihnen. Fürs in-den-Arm-nehmen bin ich zu steif, fürs kluge-Sachen-sagen zu ahnungslos, wenn vor mir jemand in Tränen ausbricht oder eine Panikattacke hat, spüre ich oft ein hysterisches Lachen in mir, das ich krampfhaft unterdrücke. Nicht weil ich es komisch finde oder so herzlos bin, sondern weil es mich so hilflos fühlen lässt und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Ich lege das Gesicht dann in tiefe Trauer und sage Sachen wie "Oh Gott, das tut mir so leid" oder "das wird schon wieder, ich kenn das." Ichkenndas ist ein gefährlicher Begleiter, denn ich kenn vieles, was in Karos Geschichte vorkommt nur zu gut …

Ängste vor allem. Ich hab oft und vor vielem Angst. Nein, nicht so Dinge wie Spinnen, enge Räume, Höhen oder Horrorfilme. Bei all diesen Dingen bin ich sogar erstaunlich gefühllos. Manchmal macht es mir Angst, dass ich vor all dem keine Angst habe. Man hat ein wenig neurotisch zu sein, wenigstens in Teilbereichen. Aber das war ich nie. Esse alles, trinke alles, interessiere mich für alles, fürchte nichts. Aber das stimmt nicht. Nein, meine Ängste sitzen nur tiefer und sind fieser. Verlustängste. Existenzängste. Versagensängste. Angst vor Liebesentzug. Die am Schlimmsten wahrscheinlich. Sie schüttelt mich komplett durch und sorgt dafür, dass ich kaum atmen kann. Bitte hab mich wieder lieb. Ich kenn den Satz gut. Aber es hilft nicht, die Ursachen zu kennen, denn wie auch Karo feststellt, man kann nicht wieder ganz und geheilt werden, wenn in einem was kaputt ist. Es wird einen immer begleiten. Man muss eben lernen, damit zu leben und die Muster zu erkennen, wenn sie auftreten.

Und was ist die Lösung? Ich verrate nicht, wie die aussieht, die Sarah Kuttner in ihrem grandiosen Roman liefert. Man muss seine eigene finden. Therapie, wenn man sich das zutraut. Oder doch Antidepressiva? Ich persönlich denke, ich will beides nicht. Solange es doch noch Freunde gibt, mit denen Reden guttut, solange ich das Gefühl habe, sicher und geborgen zu sein in meiner seltsamen Kapselwelt, solange ich mich auf die Menschen, die ich liebe und brauche verlassen kann und solange ich selbst die Kraft habe, immer wieder über die Mauer zu klettern und nicht in das Loch zu fallen, solange will ich nichts, das eingreift. Solange will ich es selbst in der Hand haben. Aber das bin nur ich. Ich kann nur jedem, den das Thema interessiert, entweder weil er selbst schon damit zu tun hatte oder weil ein naher Mensch darunter leidet, "Mängelexemplar" ans Herz legen. Weil es keine große Klage, keine Belehrung und kein Urteil enthält, sondern einfach eine Geschichte einer Frau, die sich nicht mehr gegen die Depression wehren kann.



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