Donnerstag, 3. Januar 2013

Wir Mängelexemplare …

Eine sehr, sehr, sehr persönliche Buchbesprechung.

"Du bist kein Hauptgewinn. 
Du bist ein Mängelexemplar. 
Ein zauberhaftes und liebenswertes Mängelexemplar, 
und wenn da draußen jemand ist, der das sehen kann, 
dann ist er ein Hauptgewinn..."

Ich habe lange gezögert, Sarah Kuttners "Mängelexemplar" zu lesen. Aus purer Feigheit. Weil ich Angst hatte, dass es mir zu nahe kommt, zu sehr unter die Haut geht und sich dann dort festsetzt. Der Grund, warum ich Bücher über Depressionen zwar immer kaufe (für den Notfall), aber nie lese. Sie könnten mir zu bekannt vorkommen. Nicht im Sinne von geklaut, abgeschrieben, plagiiert, sondern im Sinne von Identifikation.

Eine Depression ist ein fucking Event, sagt Karos neuer Psychiater, der Popstar unter den Psychiatern zu ihr. Und das ist erstmal etwas, das einem im Gedächtnis bleibt. Ich muss sagen, ich war noch nie bei einem Psychiater, auch nicht in Psychotherapie, ich habe noch nie Psychopharmaka genommen und helfe mir, wenn es gar nicht anders geht, mit Johanniskraut. Oder mit einem Glas Rotwein, das mich schläfrig macht. Mehr nicht. Daher habe ich Karos Weg sehr genau verfolgt, ein bisschen voyeuristisch auch, so aus der Perspektive von jemandem in den Startlöchern, der überlegt, ob dieser Weg ein gangbarer ist. Denn wie Karo sage ich, wenn mich wer fragt, fast immer, dass ich natürlich keine Depression habe. Dass es mir nur grad ein bisschen schlecht geht. Aber dass das Bisschenschlecht sehr oft und sehr lang zu Besuch ist, das sag ich natürlich nicht. Weil ich ja nicht krank bin. Ich krieg das hin. Mussja, mussja. Gerade in solchen Passagen habe ich mich Karo sehr verwandt gefühlt. Jede Anwandlung von schlechter Stimmung rasch mit Witz und Charme kaschieren. Immer nur Lächeln. Immer nach außen das Gesicht bewahren. Selbst sehr guten Freunden gegenüber. Nicht schwach sein, lieber zusammenreißen, so war ich auch immer. Und am Ende bekommt Karo ihre Diagnose. Eine Depression, die sich gut versteckt hat. Und ich frage mich, wie entdeckungssicher solche Verstecke sind …

"Der nächste Morgen ist ein Arschloch. Ein altbekanntes Arschloch. Ich wache auf, und Unglück stürzt über mich herein. Und täglich grüßt das Murmeltier, nur dass ich einen Sonny-und-Cher-plärrenden Radiowecker jederzeit der immer wieder kehrenden Trauer deutlich vorziehen würde."

Ich schlafe viel. Schlaf ist mit Abstand meine Lieblingsbeschäftigung. Weil man, egal wie schwer einem was auf der Seele liegt, vergessen kann, sobald man über die Mauer geklettert ist. Die mit den Schäfchen und Wölkchen, jawohl. Nicht immer schafft man es über die Mauer, aber wenn, wenn, dann darf man ein paar herrliche Stunden wegtauchen. Das Hirn abstellen. Die Grübelei ist das Schlimmste, dass es den ganzen Tag rattertrattertrattertrattertrattert. Was hab ich in der Situation falsch gemacht, was kann ich ändern, wie kann ich den anderen davon überzeugen, dass alles anders wird und warum, zum Teufel, bin ich so traurig? Oh ja, Karo, beim Aufwachen ist sie wieder da, die Traurigkeit, verlässlich.

Aus dem Haus gehen ist immer ein Problem. Daheim ist alles gut, da kann man sich eingraben, muss niemandem was vorspielen, fühlt sich bei sich. Wenn rausgehen, dann nur in vertraute Situationen. Freunde treffen, das geht. Am Liebsten ins Kino, das hat einen ähnlichen Effekt wie schlafen, solange man die richtigen Filme aussucht. Oder Spieleabende. Badminton. Theaterbesuche. Unangenehmer sind so Einzeltreffen zum Essen oder zum Kaffee, wo man reden muss. Ich höre dann gern zu und frage viel, damit ich nicht über mich reden muss. Dabei tut es gut, zu reden, und ich habe so eine Hand voll Freunde, die wissen, welchen Knopf man drücken muss. R. zum Beispiel, die immer in mich reinsieht, egal wie stark mein Schutzschild ist. Und die stets kluge Sachen zu sagen hat und zu der ich dann auch kluge Sachen sage, bis ich mich ganz geheilt, erleichtert, optimistisch und bereit fühle, anzupacken. Bis das Murmeltier wiederkommt und alles von vorn beginnt. Was gar nicht geht in akuten Phasen, das sind so schreckliche Dinge wie Ämter, allein in Restaurants, zum Arzt oder in kleine Geschäfte, wo die Verkäuferinnen einen beraten. Das ist zu viel Fremdkontakt. Kontakt, bei dem es um mich geht. Was passiert mit meinem Geld/meinem Job, was will ich essen, wie geht es mir, was will ich kaufen. Ich fürchte mich regelrecht vor den Situationen. Ich meistere sie, weil bekanntlich mussja, mussja, aber ich mag sie nicht. Und an schlechten Tagen drück ich mich davor.

Ich bin ungeduldig. Schrecklich ungeduldig. Ich schaue dauernd auf die Uhr, egal ob ich wo hinmuss oder nicht. Ich lebe in der Uhrzeit, permanent unter Druck, weil Zeit vergeht, ich auf Dinge warte, Dinge nicht und nicht passieren oder ich Angst habe, zu spät zu kommen. Alles muss gleich passieren, sonst werde ich kribbelig. Manchmal mach ich tausend Dinge gleichzeitig und werde mit keinem davon fertig. Mit der Zahnbürste im Mund Mails beantworten, dazwischen Teewasser aufsetzen und schon anziehen, rasch, rasch und längst den nächsten Schritt im Kopf, wann muss ich los, wie viel Zeit hab ich, ach und ich habe vergessen, die Post von gestern zu öffnen, ich mach es schnell. Dabei bin ich nicht multitaskingfähig, ich muss die Musik, die ich höre, ausmachen, um auf Facebook zu lesen. So bin ich. Darum geht trotz der Ungeduld nichts weiter. Ich fang alles an und komme mit nichts zu Ende. Und ganz oft zerreißt mich das. Ich kann nichts genießen, weil ich immer schon an den nächsten Schritt denke. Im Urlaub, ach, eine herrliche Aussicht, aber Mist, ich muss in dreiundvierzig Minuten den Bus nehmen, das lässt mir nur noch vierzig, den Ort zu genießen, den Weg einberechnet. Und ach, verdammt, jetzt sind es nur noch neununddreißig. Tick tack, tick tack. So ist es immer.

“Aber auch Glück ist anstrengend. Ich finde nichts frustrierender, als neben einer auserwählten Person zu liegen und das Bedürfnis zu haben, ihr so nah wie möglich zu sein. Man kann sich umarmen und verknoten, bis man schwarz wird, man hat immer das Gefühl, noch näher sein zu wollen. Das sogenannte "In-den-Partner-reinkriechen-Wollen". Man wird nie nahe genug sein. Oder Sehnsucht. Wie oft das Einander-Vermissen schon romantisiert, Chris-de-Burgh-isiert wurde. Sehnsucht ist fürchterlich. Wenn man vermisst, kann man sich nicht mal im Kino ablenken, weil im Film am Ende doch immer alle einander haben.”

Menschen mit Depressionen durchziehen mein Leben wie ein roter Faden. Es ist fast so, als wäre ich ein Magnet, der sie anzieht. Oder umgekehrt, der von ihnen angezogen wird. Und ich bin immer so schrecklich hilflos im Umgang mit ihnen. Fürs in-den-Arm-nehmen bin ich zu steif, fürs kluge-Sachen-sagen zu ahnungslos, wenn vor mir jemand in Tränen ausbricht oder eine Panikattacke hat, spüre ich oft ein hysterisches Lachen in mir, das ich krampfhaft unterdrücke. Nicht weil ich es komisch finde oder so herzlos bin, sondern weil es mich so hilflos fühlen lässt und ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Ich lege das Gesicht dann in tiefe Trauer und sage Sachen wie "Oh Gott, das tut mir so leid" oder "das wird schon wieder, ich kenn das." Ichkenndas ist ein gefährlicher Begleiter, denn ich kenn vieles, was in Karos Geschichte vorkommt nur zu gut …

Ängste vor allem. Ich hab oft und vor vielem Angst. Nein, nicht so Dinge wie Spinnen, enge Räume, Höhen oder Horrorfilme. Bei all diesen Dingen bin ich sogar erstaunlich gefühllos. Manchmal macht es mir Angst, dass ich vor all dem keine Angst habe. Man hat ein wenig neurotisch zu sein, wenigstens in Teilbereichen. Aber das war ich nie. Esse alles, trinke alles, interessiere mich für alles, fürchte nichts. Aber das stimmt nicht. Nein, meine Ängste sitzen nur tiefer und sind fieser. Verlustängste. Existenzängste. Versagensängste. Angst vor Liebesentzug. Die am Schlimmsten wahrscheinlich. Sie schüttelt mich komplett durch und sorgt dafür, dass ich kaum atmen kann. Bitte hab mich wieder lieb. Ich kenn den Satz gut. Aber es hilft nicht, die Ursachen zu kennen, denn wie auch Karo feststellt, man kann nicht wieder ganz und geheilt werden, wenn in einem was kaputt ist. Es wird einen immer begleiten. Man muss eben lernen, damit zu leben und die Muster zu erkennen, wenn sie auftreten.

Und was ist die Lösung? Ich verrate nicht, wie die aussieht, die Sarah Kuttner in ihrem grandiosen Roman liefert. Man muss seine eigene finden. Therapie, wenn man sich das zutraut. Oder doch Antidepressiva? Ich persönlich denke, ich will beides nicht. Solange es doch noch Freunde gibt, mit denen Reden guttut, solange ich das Gefühl habe, sicher und geborgen zu sein in meiner seltsamen Kapselwelt, solange ich mich auf die Menschen, die ich liebe und brauche verlassen kann und solange ich selbst die Kraft habe, immer wieder über die Mauer zu klettern und nicht in das Loch zu fallen, solange will ich nichts, das eingreift. Solange will ich es selbst in der Hand haben. Aber das bin nur ich. Ich kann nur jedem, den das Thema interessiert, entweder weil er selbst schon damit zu tun hatte oder weil ein naher Mensch darunter leidet, "Mängelexemplar" ans Herz legen. Weil es keine große Klage, keine Belehrung und kein Urteil enthält, sondern einfach eine Geschichte einer Frau, die sich nicht mehr gegen die Depression wehren kann.


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