Sonntag, 27. Oktober 2013

+++Theaterkritik+++ Love Never Dies, Wien

Foto: Rolf Bock

Liebe stirbt nie. Liebe vergeht nicht. Eines war klar, eine Wiener Aufführung wird es schwer haben. Es hatte schon die nahezu perfekte Australische Aufführung schwer, weil für mich dieses Stück, das mich wie kaum ein zweites durch und durch gepackt hat, für immer mit der Londoner Inszenierung verbunden sein wird.
Dennoch...
Dreimal hat es mich ins Wiener Ronacher gezogen, um wieder in Andrew Lloyd Webbers phantastische Musik einzutauchen. Das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Koen Schoots brilliert wieder einmal. Es schimmert und schillert in jedem Takt auf Coney Island, da wurde großartig gearbeitet, präzise und mit Liebe zu jeder Melodie. Hut ab. Das gilt leider nicht so ganz für die deutsche Übersetzung von Wolfgang Adenberg. Zu viel geht an Platitüden verloren, und nein, "I'll always feel no more than halfway real, till I hear you sing once more" lässt sich nicht mit "Ein halber Mann, den nichts erlösen kann, bis du wieder singst für mich" adäquat übersetzen. Da passen Herzen und Schmerzen und Not und Tod einfach wieder mal zu gut zusammen als dass es an die lyrische Kraft des Originals von Glenn Slater heranreichen könnte.
Worum geht es überhaupt? Na ja, böse Zungen (ich nicht!) behaupten ja, Webber hätte sich seine eigene Fanfiction geschrieben, als er sein Phantom und Christine zehn Jahre nach dem allseits bekannten Ende ausgerechnet im Rummel von New Yorks Coney Island wieder aufeinandertreffen lässt. Samt klassischer Dreiecksbeziehung, fraglicher Vaterschaft und höchst eifersüchtigen Angestellten. Ich sage: Man darf dieses Stück einfach nicht am Phantom messen oder es als "Fortsetzung" sehen. Es ist eine Sache für sich und zwar eine mit den verflucht geilsten Melodien, die Webber seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten gelungen sind.
Über die halbszenische Regie von  Andreas Gergen  lässt sich nur sagen, dass sie nicht Fisch und nicht Fleisch ist und wenn Fleisch, dann ganz schön fettes, süßliches. Das geht bis zur großen Seifenoper bei "Beneath a Moonless Sky", das - ein echtes Ärgernis! - mit einem minutenlangen Kuss beginnt. Wenn wir Autoren so aus unseren Figuren ausbrechen würden, wie es sich sie Herren und Frauen Regisseure gelegentlich erlauben, würde uns keiner mehr ernst nehmen. Das Phantom mag in "Love Never Dies" noch so angepasst sein, er ist ein Sozio- und Psychopath an der Grenze zum Autismus. Da passt der patente Liebhaber nicht dazu, zumal davon gesungen wird, dass er nur in "Rabenschwarzer Nacht" hingebungsvoll war und beim ersten Lichtschein abgehauen ist, aus Angst, Christine könnte sein Gesicht sehen. Und zehn Jahre später gibt es Dallasküsse im Hotelzimmer bei Tag? No way. Davon abgesehen, warum halbszenisch und dann keine Maske? Die ist so sehr Teil dieser Figur, der Verzicht darauf mag zwar modern sein, lässt aber die Distanz und Glaubwürdigkeit schwinden. Zu sehr menschelt dieses Phantom permanent.
Was aber bestimmt nicht an Drew Sarich liegt, der ist absolut hinreißend. Und wenn ihm die Regie nicht seltsame Seifenopern-Umarmungen aufzwingt, ist alles da, was Phantom braucht. Bedrohlichkeit, Unbeholfenheit bei Berührungen, das ewige Künstlerkind mit der autistischen Seele. Und eine Stimme, die wie für diese Rolle gemacht ist. Wenn er bei den kleinen Phantom-Zitaten den Engel der Lieder anstimmt, Raoul einen impertinenten Laffen schimpft oder Christine droht, dann seh ich ihn jetzt schon auf der Bühne von Her Majesty's Theatre. Und mein Gott, das wäre das Phantom des zweiten Jahrtausends. Stimmlich, darstellerisch, ich freu mich einfach mal drauf, dann klappt das schon! ;-)
Die Christine von Milica Jovanovic ist süß. Sie singt auch hübsch. Bloß... Hätte ich nicht schon drei bessere Christines mit Sierra Boggess, Celia Graham und Anna O'Byrne gehört, dann hätte ich lauter applaudiert. So aber gelingt es ihrer Stimme nicht so ganz, mich vom Hocker zu reißen, wenn die Arie am Ende nur so halb explodiert. Dünne Luft da oben, dünne Luft. Gar jung ist sie auch und ich bin immer noch unentschlossen, was sie bei der Arie gespielt hat. Ich tippe auf "Töne treffen", weil diese geniale innere Zerrissenheit, die diese Szene ausmacht, von der war auch aus der zweiten Reihe vorn nur wenig zu spüren. Aber ansonsten hat sie gut gespielt und war echt zum verlieben, zuckersüß.
Zuckerlrosa war die Meg von Barbara Obermeier. Ob es jetzt eine Hommage an "Natürlich Blond" ist, das sie zeitgleich im Ronacher singt oder einfach ihr Style, es war eine Menge Elle Woods, etwas Barbie, aber keine Meg. Sie singt es wirklich ausgezeichnet, keine Frage, aber Meg, das ist ein abgehalftertes Revuegirl am Ende ihrer geistigen Kräfte, kein Glamourtaum in pinken High Heels. Bis ganz zum Schluss glaub ich ihr nicht, was sie tut. Ich erwarte dafür dauernd, dass sie einen Chihuahua aus der Tasche holt und beschließt, in Harvard Jus zu studieren, um das Phantom für sich zu begeistern. Hm.
Leonid Sushon ist ein reizender Gustave, vielleicht einer der besten, die ich gehört habe. Ist schon ganz schön heftig, so zehn Tage lang jeden Abend mit Drew Sarich zu rocken, aber der junge Mann macht seine Sache gut, spielt sehr natürlich und macht Freude.
Was man von Julian Loomans Raoul nicht behaupten kann. Selten war es so glasklar, für wen Christine sich entscheiden muss. Warum sie da so lang rumüberlegt, keine Ahnung, echt! ;-) Es war immer schon falsch, Raoul mit zu jungen Sängern zu besetzen. Wird aber oft gemacht. Frisch vom Konservatorium? Also gleich mal Marius oder Raoul, kein Problem. Aber der Witz dieser Story, die ja prinzipiell schon eher seifenoprig daherkommt ist eben das klassische Thema: Frau zwischen zwei Männern. Einer der unnahbare, geniale Künstler, der andere der arrogante, selbstgefällige Schönling. Ganz alte Story, die aber nur funktioniert, wenn beide gleich stark sind. Wer sehen will, wie sowas geht, sollte sich "Rush"  im Kino anschauen. Aber nicht Sarich gegen Looman, weil da nämlich null Spannung aufkommt. Aber gut. Hübsch war er auf jeden Fall.
Bleibt noch Maya Hakvoort als Madame Giry. Bloß: Warum??? Ja, klar, toll sie zu hören, aber mein Gott, ist diese Frau überqualifiziert! Madame Giry singt ja kaum. Aber ich beschwer mich nicht, lieber zu gut als zu schwach besetzt, nicht wahr? Vom Ensemble sei noch gesagt, dass mir Katja Berg  als Fleck außerordentlich gut gefallen hat, sehr präsent!
So, um zum Ende zu kommen: Jetzt hab ich wieder Sehnsucht nach Coney Island. Und am Ende immer noch Tränen in den Augen. Und bisher kein einziges Mal Ramin Karimloo erwähnt. Na gut, okay, einmal. Aber nötig war's nicht. Verbeugung, Herr Sarich, Verbeugung! :-)




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