Donnerstag, 21. November 2013

Drei Dinge, die ich von Stephen King gelernt habe ...

Mit Freundin&Kollegin Nicole Makarewicz kurz vor Start
... als ich mit ihm in einem Raum war. Es war so eine kleine, gemütliche Location namens Circus Krone in München, pi mal Daumen zweitausend-fünfhundert Mitwisser, und es war der 19.11.2013. Nachdem der Zirkus voll, das Licht erloschen war und der gemeine deutsche Bürger wieder mal bewiesen hatte, dass es zwei Sorten von Menschen gibt, diejenigen, die sich für ihren Helden zwei Stunden bei Kälte und Regen in der Schlange anstellen und die anderen von rechts, betrat mein Idol die Manege. Und nach den ersten Tränen war es sehr schnell so, als säße ich tatsächlich, wie ich es mir immer zusammenphantasiert habe, mit ihm an der Theke einer etwas abgewirtschafteten Autobahnraststätte irgendwo in Maine bei einem Bier (er alkoholfrei, wegen der AA und so) und hörte mir seine Geschichten an.

1. Demut. Und in Demut steckt das Wort Mut. King ist in so vielen Hinsichten ein role model für mich. Nicht nur weil er die besten Bücher geschrieben hat, die ich je gelesen habe. Auch weil er Demut vor und Mut zum Leben hat. Mut zu sagen, ich bin Alkoholiker. Mut, der zu sein, der er sein möchte. Keine Angst vor dem Tod, der jeden von uns erwartet. Und Demut vor den Lebenden, die er erschaffen hat. Nicht Figuren. Nicht Charaktere. Freunde. Was ist aus Danny geworden? Das hat ihn nie losgelassen. Spoken as a true creator.

2. Was würde Stephen King in "Needful Things" kaufen? H.P. Lovecrafts pillow, to see, if there were any dreams in there that I could steal. Spoken as a true inventor.

3. Fucking iPad! :-) Spoken as a true narrator.

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Und die Frage, die ich nicht gestellt habe, weil ich a. scheu bin und b. eine aus der Schlange, keine von rechts, ist diese: Ich liebe Bill Denbrough seit ich lieben kann. Und ich habe mir immer gewünscht, ein Rad wie Silver zu besitzen. Haben Sie so ein Fahrrad, Herr King oder einen sonstigen Gegenstand, mit dem sie den Teufel besiegen können? Und welcher ist das? Und jetzt, wo ein halber Lebenstraum erfüllt ist, bleibt mir noch ein bisschen Zeit, mir die andere Hälfte zu erfüllen: Eines Tages eine Antwort kriegen. Und einen Händedruck. Und ein Rad. Hi Ho Silver, Away!

PS: Ach ja, Denis Scheck war auch da. Hat kaum gestört.

Ein Scheck, ein King. (c) Claudia Toman





Sonntag, 17. November 2013

Zart besaitet.


 

Hochsensibel? Ich? Nein, bestimmt nicht. Das habe ich immer gesagt, wenn Menschen mir Links zu entsprechenden Tests geschickt haben. Ich habe doch keine extreme Sinneswahrnehmung, bin äußerst schwer zu erschrecken und muss nicht mal Sonnenbrillen tragen, auch nicht an den grellsten Sommertagen. Weil das war alles, was ich mit dem Begriff verbunden habe. Klassischer Vorurteilsfehler. Denn seit ich so einen Test gemacht habe, weiß ich, dass es nicht nur um die äußeren Sinne geht, sondern dass man auch innen drin empfindlich sein kann. Und da gab es eine Menge Fragen, die ich mit "stark zutreffend" beantworten musste. 


188 Punkte. Nicht extrem, weil ich ja viele Sinnesfragen mit nein beantworten konnte. Aber auch eine Anregung, über einige Dinge nachzudenken, die immer so selbstverständlich Teil meiner Welt waren, dass ich nie überlegt habe, woher sie kommen. Ja, sie oft als Fehler und Schwächen verstanden habe, weil ich oft gesagt bekommen hab "sei doch nicht so empfindlich" oder "du bist ja langweilig!"

Hier eine Liste. Für euch da draußen, weil man oft gar nicht weiß, warum andere einen so schwer verstehen können. Oder so rücksichtslos agieren. Weil man dazu neigt, sich anzupassen und gerade wenn man sie stark empfindet, den Bedürfnissen der anderen immer eher nachzugeben als den eigenen.

- In Gruppen kann ich mich nie entspannen. Gar nicht. Weil meine Antennen die ganze Zeit in alle Richtungen ausgefahren sind. Ich versuche, jemandem zuzuhören, der mir gerade was wichtiges erzählt, kriege aber zugleich den Großteil des Gespräches daneben mit, sehe, dass jemand, der in der Gruppe noch neu ist, gerade allein dasitzt und versuche, demjenigen ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, fühle mich schuldig, weil ich ihn mitgebracht habe und er jetzt keinen Anschluss hat, sehe im selben Moment, wie ein Glas umfällt, spüre, dass jemand sich nicht wohlfühlt, müde ist, niest wegen den Katzenhaaren überall, oh Gott, ich hätte besser putzen sollen, nicke und versuche, eine gute Antwort für den Gesprächspartner zu finden... So geht das die ganze Zeit. Und in meiner Brust ist ein Wespennest voll flirrender Gedanken. Und sie stechen, stechen, stechen.

- Ich weine viel. Jede traurige Geschichte auf Facebook, jede emotionale Filmszene, das Ende von Romanen, glückliche Menschen in Castingshows, alles bringt mich zum weinen. Es ist, als ob permanent ein Zug voll Herzdampf durch mich durchfährt, und ich verausgabe mich total in den Gefühlen, bis ich mich manchmal ganz leer fühle. Bis der nächste Zug kommt.

- Abschiede sind besonders schlimm. Natürlich von Menschen. Das ist ein Strom, der kein Ende findet. Und obwohl ich zugleich schreckliche Schamgefühle hab, in der Öffentlichkeit zu weinen und oft versuche, es hinter großen Sonnenbrillen zu verstecken, weine ich maßlos, untröstlich, immer wenn ich damit konfrontiert bin, mich zu verabschieden. Egal ob für eine Woche, ein Monat, ein Jahr, ein halbes Leben. Ich komme nicht damit zurecht. Auch von Orten trenne ich mich so schwer. Ich entwickle starke Bindungen zu Plätzen, die mir etwas bedeuten. Als Kind habe ich den geschmolzenen Schnee aus meinem Schiort in einem leeren Shampooflakon mitgenommen und ein Jahr lang aufbewahrt. Obwohl er nach Shampoo roch. Abschiede von London sind ganz schlimm, wenn ich meine letzte Runde drehe, einmal noch Piccadilly, einmal noch Shakespeare am Leicester Square, letzte Blicke, letzte Gerüche, das nimmt mich extrem mit. Da ist keine Freude, dass ich da war. Kein Baldwieder. Da ist nur Abschiedsschmerz, immer aufs Neue. 

- Wenn es geht, reise ich lieber allein, weil es mich zerreißt, allem gerecht zu werden. Meinen Wünschen und Bedürfnissen, den Wünschen und Bedürfnissen der anderen. Ich war noch nie eine gute Gruppenreisende, weil ich es nicht schaffe, das Ich und das Außen zu trennen. Ich lächle dann viel und sage "ja, das ist super", sehne mich aber gigantisch nach nur einer Stunde allein mit mir und den Sehenswürdigkeiten.

- Diskotheken, große Partys, Menschenansammlungen mit lauter Musik haben mich immer schon in schrecklichen Stress versetzt. Das ist wie die berühmte Bohrmaschine im Kopf. Und jahrelang habe ich mit dem Gedanken gelebt, ein entsetzlich langweiliger Mensch zu sein, weil ich nie mitgehen wollte. Aber es gibt kaum was Schlimmeres für mich als ständig angestupst zu werden, gleichzeitig ein Glas in der Hand, die Tasche an mich gepresst zu haben, kaum was vom Gespräch zu verstehen, das alles erzeugt ein gigantisches Unwohl- und Unruhegefühl in mir. Ich halte betrunkene Menschen auch nur dann aus, wenn ich sie sehr, sehr liebe oder selbst betrunken bin. Fremde betrunkene Menschen sind mir ein Graus. Und alles rempelt. Und schwitzt. Ist laut. Und dröhnt. Ich möchte mich dann immer gern auf dem Klo einsperren und heulen. Aber ich setze meine Maske auf und mache mit, weil das eben gesellschaftliche Konvention ist.

- Ich fürchte mich vor neuen Situationen, Menschen und Orten. Wenn es geht, informiere ich mich vorher immer ganz genau, bis hin zu Fotos und Lageplänen der Örtlichkeiten, um die Angst zu reduzieren.

- Ich rufe nicht gern wo an. Ich habe Angst, andere zu stören und bekomme schweißnasse Hände, wenn ich wo telefonisch reservieren oder bei Hotlines nachfragen muss.

- Kleidung engt mich oft ein. Sobald ich daheim bin, muss ich raus aus allem und kann nur weite Hosen und leichte Shirts am Körper haben. Ich fühle mich oft wie in einem Korsett eingeschnürt, wenn ich BH, Hose, Gürtel, Pullover und Jacke trag. Unbequeme Schuhe machen mich total fertig. Die Schmerzen sind höllisch. Ich fühle mich permanent unwohl in Kleidung.

- Ich fürchte mich davor, Gäste zu haben, die bei mir wohnen, weil ich dann nie für mich sein kann, keine Tür zumachen kann, immer gesprächsbereit sein muss, weil ich es nun mal nicht abstellen kann, dass ich dauernd drauf achte, wie es dem anderen geht.

- Der Großteil meines Lebens spielt sich in meinem Kopf ab, ich träume andauernd, phantasiere mir Dinge zusammen, versetze mich in Erinnerungen und Emotionen. Musik ist wie die Klaviatur dieser Gefühle.

- Ungerechtigkeit ist ganz schlimm für mich und kann mich tagelang quälen. Oft überwinde ich sie nie.

- Ich bin nicht multitaskingfähig. Sobald zwei Dinge gleichzeitig zu tun sind, reißt mich das auseinander und ich werde total unruhig, ungeduldig, fahrig.

- Ich zerbreche viel, Dinge neigen dazu, mir auf die Zehen oder aus der Hand zu fallen. Manchmal laufe ich auch mit dem Kopf wo dagegen, weil ich gerade in Gedankengängen bin.

Die Liste ließe sich noch lange fortführen. Wichtig und der Grund dafür, warum ich diesen Blogbeitrag überhaupt schreibe, ist, dass man mir das alles sehr selten anmerkt. Ich habe ein sehr gut gearbeitetes Schutzkonzept entwickelt über all die Jahre. Das Meiste auf dieser Liste spielt sich lediglich in mir drinnen ab. Und gegen Tränen helfen große Sonnenbrillen. Nur nicht schwach sein. Immer für andere da sein. Immer zuhören. Immer mit dabei sein. Alles mitmachen. Nichts anmerken lassen. Nichts anmerken lassen. Und dann kommt so ein Test und nimmt einem die Illusion, dass man dadurch ja genau so ist wie alle anderen... Aber das ist man nicht. Man ist zart besaitet.



Freitag, 15. November 2013

Stephen King - Doctor Sleep


Mr. King, the trouble you're getting me into...

Das ist schwierig. Ich liebe King-Romane seit ich denken kann, bin mit ihnen aufgewachsen, habe durch sie gelernt, was Geschichten ausmacht und hätte ich "ES" nie gelesen, mehrfach, wer weiß, ob ich derselbe Mensch geworden wäre, der ich bin. Der Club der Verlierer hat mich geprägt. Für immer. Und jetzt habe ich Doctor Sleep zugeklappt und suche so gut ich kann nach diesem Gefühl. Nach dieser Welt in mir. Aber sie ist nicht da. Es war einfach ein gutes Buch. Ab ins Regal, was kommt als Nächstes dran? Her damit! Keine Träne, keine Sehnsucht, nicht ein bisschen Wehmut.

Was schreibe ich also? Dass es ein wie immer gut geschriebener Roman ist. Dass darin sehr viel persönliche Aufarbeitung des Alkoholikers steckt, die sich nicht in Andeutungen hüllt sondern laut und deutlich wie bei den vielen erwähnten AA-Meetings "Mein Name ist Stephen, ich bin auch Alkoholiker" ruft. Dass die Spannung funktioniert und man das Buch kaum aus der Hand legen kann, sobald man die lange Introduktion geschafft hat. Dass es ums Erwachsenwerden, ums Trockenwerden und um Wut und Gerechtigkeit geht. Puh. Und dass eine Menge Anspielungen drin sind. Auf Shining natürlich. Auf Herr der Ringe, Harry Potter und sogar - wer hat es bemerkt? - aufs "Schweigen der Lämmer". Der neue King ist auch total up-to-date mit der modernen Technologie. Na ja. Fast. Und dass … Hm …

Jetzt wird es schwieriger. Ich bewundere den Mann so sehr. "On Writing" ist meine Bibel. "The Stand" mein Jahrhundertroman, wie fasse ich das jetzt in Worte? Was schreibe ich nicht? Ich schreibe nicht, dass dieses Buch nur halb so lang ist, wie es sein müsste. Eine Story wie diese, die eigentlich die gesamte Menschheitsgeschichte umfasst, die eine größere Cast hat als jeder Tarantino, die einen dermaßen klassischen Heldenreise-Plot in sich trägt, die muss auf etwas über 480 Seiten zu kurz kommen. Ich schreibe nicht, wie er mir fehlt, der detailreiche, geniale Figurenzeichner, der einen an der Hand durch Derry oder Castle Rock führt und dessen Darsteller immer liebevoll gezeichnete Unikate waren. Dass so jemand dermaßen blasse, leblose Stereotype wie John, Lucy oder Dave (allein die Namen, meine Güte!) schreiben und so viele geniale Typen wie Crow Daddy, Billy oder Concetta nur streifen kann, ist mir ein Rätsel. Und Azzie, mein Gott, wie viel mehr hätte es da gegeben … Wie viel zu erzählen. Wie viele Biografien zu erleben. Wie viele Köpfe zu besuchen. Wer zur Hölle braucht John? Aber das schreibe ich nicht. Ich schreibe auch nicht, dass die Haupthandlung, also der Kampf von Abra und Dan gegen die so herrlich aufgebaute Truppe von True Knot voll glücklicher Fügungen, hastiger Entscheidungen, Logikfehlern und viel zu hindernislos ist. Was war das für ein Battle in The Stand. In Needful Things? Was für ein Ende in ES? Was war das für ein Weg jedesmal. In Doctor Sleep habe ich zu keinem Zeitpunkt Zweifel am Ausgang. Ob ich Recht hatte, das verrate ich natürlich hier nicht und zugegeben, etwas hat mich im Showdown schon überrascht, immerhin. Auch was Wichtiges, durchaus. Aber die große Enthüllung, auf die zugesteuert wird das, that which was forgotten, das war mir schon seit der ersten Anspielung klar. Aber das zu schreiben wäre wirklich eine Frechheit. Also tu ich es nicht. Weil es hier um ein Denkmal geht und Denkmäler holt man nicht vom Sockel. Und weil es ja doch ein gutes Buch ist. Wirklich.

Was bleibt mir also noch zu schreiben? Doctor Sleep ist wie schon Joyland ein Roman für diejenigen King-Fans, denen "Es" oder "The Stand" oder gar "Dark Tower" zu episch und langatmig sind. Die selbst "Under the Dome" für zu geschwätzig halten? Die eine spannende, großteils rasante Geschichte mit einer originellen Idee lesen wollen. Vielleicht solche, die Duddits mochten? Die beiden Hauptfiguren Abra und Dan sind gut erzählt, besonders Abra hat ansatzweise auch eine kingsche Doppelbödigkeit, die ich mag, Dan, nun ja, ist kein Jack Torrance, aber wer sich für AA-Hintergründe und -Slogans interessiert, wird viel Material finden. Ein King-Roman wird nie ein schlechter Roman sein. Es wird ein guter Roman sein. Wirklich. Aber mir genügt das nicht. Ich will die Welt in mir. Ich will selbst in die Köpfe von Figuren rein, nicht von außen zusehen, wie sie gegenseitig in ihre Köpfe tauchen auf sehr widersprüchliche, die Logik oft biegende Art und Weise. Wem wie ich das Ende in "The Stand" zu rasch gekommen ist, wer fassungslos "ES" zugeklappt und dann erst bemerkt hat, dass aus Sommer Herbst geworden ist und wer Romane wie "Love", "Rose Madder", "Bag of Bones" oder "Misery" für ihre Figuren geliebt hat, der wird nicht so recht glücklich werden, fürchte ich. Aber was schreib ich da? Das schreib ich nicht! Lest Doctor Sleep, hört ihr? So wahr ihr steamheads seid!


Mittwoch, 13. November 2013

Wir Quijoteseelen...

Salvador Dalí - Don Quijote

Ich habe mich vor fast einem Jahr zum ersten Mal mit dem Thema Depression beschäftigt. Wer es nachlesen möchte: Wir Mängelexemplare... Nun hat mich heute jemand auf einen anderen Aspekt aufmerksam gemacht. Auf das große WARUM hinter dem ständigen Nichtgenuggefühl. "Weil du es eigentlich nicht akzeptierst und nicht akzeptieren willst. Dein Wunsch wäre, dass es anders ist, und dir fällt es leichter, zu wünschen als zu akzeptieren." Und da war auf einmal dieses Bild in meinem Kopf, das Bild von Don Quijote, der den Spiegel vorgehalten kriegt, damit er endlich die Welt so sieht, wie sie wirklich ist. Und daran zerbricht.

Und plötzlich war mir etwas klar: Das ist nicht einfach ein Mangel wie bei einem Mängelexemplar. Kein Produktionsfehler im psychischen Gewebe und auch kein Riss in der Seele. Wir sind bloß Quijoteseelen. In deren Innerem aus klapprigen Pferden edle Rösser, aus Windmühlen gefährliche Riesen und aus Wirtshausdirnen schöne Burgfräulein werden. In deren Wunschvorstellung es immer um Perfektion, Schönheit und Idealisierung geht. Und wenn die Realität dieses Ideal einholt, kommen wir damit nicht mehr zurecht und sind besiegte Ritter auf dem Totenbett. Gebrochen und unserer ganzen Welt beraubt. Und irgendwann auf Psychopharmaka.

Natürlich ist nicht jeder Depressive eine Quijoteseele und es kann tausend Gründe geben, warum man sich in sich verkriecht. Aber ich will versuchen, mir ein paar Gedanken zu machen, mit denen sich der eine oder andere womöglich identifizieren kann.

Ich glaube, es gibt drei verschiedene Gruppen unter uns Menschen. Einerseits die Quijoteseelen, mit ihren Wünschen, Träumen, der Realitätsverweigerung und der Idealisierung. Dann die Pansaseelen, die zwar selbst in der Realität leben, aber die Quijotes wohlwollend und ein bisschen sehnsüchtig durchs Leben begleiten, ihnen zur Seite stehen, liebend, und vielleicht ein kleines bisschen darauf hoffen, ein Abenteuer zu erleben am Ende ein Stück Paradies für sich zu bekommen. Und dann sind da noch die silbernen Mondritter, die stets wortgewaltigen, lauthalsigen, nicht selten sehr treffend ironischen Zeitgenossen, die es sich zur Aufgabe und zum hehren Lebensziel gemacht haben, den Quijotes den Spiegel vorzuhalten, ihnen die Utopien auszutreiben und die fehlgeleiteten Träume zu nehmen. Die Aufzeiger, die Dringlichkeitspiraten und die Fingerheber. Weil die Welt eben nicht so ist, wie man sie gern hätte und weil es diesen und jenen Grund dafür gibt, dass man sich mit all den schrecklichen Dingen befassen muss, die man sieht, anstatt ständig alles in einer Traumwelt zu erleben. Vermutlich gibt es auch Mischformen, aber diese drei Extreme habe ich in meinem bisherigen Leben sehr oft kennengelernt.

Jetzt bin ich eine Quijoteseele, wie äußert sich das? 

"Zu viel Vernunft mag Wahnsinn sein. Und der größte Wahnsinn von allen: Das Leben sehen, wie es wirklich ist und nicht wie es sein sollte." (Cervantes "Don Quijote") 

1. Meine Wünsche stehen immer über den Tatsachen. Ich will etwas aus tiefstem Herzen und erreiche es entweder oder verzweifle daran. Das ist-eben-so liegt nicht in meiner Natur. Und je weiter das Ziel oder der Wunsch von der Realität entfernt ist, desto größer und schöner erscheint er mir. Dinge, die unmöglich sind, gibt es für mich nicht. Und in gewissen, sehr positiven Phasen, kann ich genau das nützen, um gemäß des Gesetzes der Anziehung positiv zu denken und erstaunliche Erfolge zu erzielen. In schlechten Zeiten dreht sich die Spirale gegen mich und alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Murphys Gesetz. Dann stellt die Realität Stacheln auf und ich zerreiße mir all meine Illusionen daran.

2. Alles, was ich tue, folgt viel stärker meiner inneren Logik als den äußeren Gegebenheiten. In mir drin gibt es eine eigene Welt mit Regeln und Gesetzen, ein kompletter Seelenkodex, der stets voraussetzt, dass nichts Äußeres schiefgeht. Sprich wenn dann Hindernisse auftauchen oder jemand genau gegensätzlich agiert, funktioniert das System nicht mehr und Chaos bricht aus. Ein Beispiel: In meiner persönlichen Quijotewelt ist Loyalität enorm wichtig. Einem Freund wird Unrecht zugefügt, Konsequenz: Wer immer daran schuld ist, ist disqualifiziert. Aber in der Realität läuft es nicht immer so. Erstens ist man ganz oft damit konfrontiert, dass so eine Disqualifikation böse Konsequenzen für einen selbst hat. Zweitens ist es durchaus möglich, dass eben der unrecht behandelte Freund sich wieder versöhnlich zeigt, was fortan zu einem großen inneren Konflikt wird, weil meine Disqualifikationen für gewöhnlich endgültig sind. Und drittens kann es sein, dass Disqualifizierte einem immer wieder über den Weg laufen, womöglich in Machtpositionen. 

3. Burgfräulein: Es gibt zahllose Beispiele in meinem Leben, wo ich Menschen, Dinge, Orte oder Situationen idealisiert habe. Frösche wurden nicht einfach zu Prinzen, sondern zu überlebensgroßen, seelenverwandten Sonnengöttern. Es war mir nie und ist mir meist auch Jahre später nicht möglich, dieses Bild loszulassen und mich der Realität dahinter zu stellen. Realität wird konsequent verleugnet, auch wenn sie sich durch die Handlungen der derart Erhöhten deutlich manifestiert. Und wenn dann mal so ein böser Kratzer in den Sonnenlack kommt, dann bricht für mich eine Welt zusammen und versinkt wie Atlantis im Tränenmeer. Und diverse Mondritter haben es ja immer schon gewusst und gesagt. Bloß Quijote sang bis zu letzt in völliger Verzückung...


4. Windmühlen: Mein Gott, was habe ich in meinem Leben schon gegen böse Riesen gekämpft. Und doch waren die meisten davon bloß Windmühlen. Und egal wie schmerzhaft oder fast tödlich der Kampf für mich geendet hat, ich bin mit gezückter Lanze ins Feld gezogen, auch ganz alleine, um alle Ungerechtigkeiten zu beseitigen, die meine ideale Welt gefährden konnten. So ein Quijote sagt auch immer, was er denkt, ohne Überlegung, er trägt sein Herz auf der Zunge und denkt nicht nach, ehe er attackiert. Manchmal hat man das Glück und einen klugen Sancho Pansa neben sich, der einen festhält, bis die Riesen sich verzogen haben. Manchmal hat man keinen.

5. Last but not least zeichnet die Realitätsflucht eine Quijoteseele aus. Zu gern versenke ich mich in fremde Welten, Bücher, Filme, Theaterstücke, Serien, doch nichts zu Realistisches. Nichts Historisches, nichts Sozialkritisches, sondern Phantastisches, Gruseliges, Romantisches. Ein bisschen Realität ist in Ordnung, aber nicht zu viel. Nur in homöopathischen Dosen. Früher konnte ich ganze Sommer in einer erfundenen Scheinwelt verbringen, in ausgedachten Rollen leben, mit Musik Tagträume inszenieren und noch beim Einschlafen aktiv wunschträumen. Als Teenager habe ich etwa drei Viertel meiner Zeit auf diese Art verbracht. Ich war nicht in Diskotheken, in Clubs, in Bars, auf Partys, im Rauchereck, an den voll besetzten Tischen der Aula, meine Freunde waren zum Großteil fiktive Figuren, ich vermied Menschenansammlungen und versammelte lieber Wunschmenschen in meinem Kopf. Oft schrieb ich darüber, so fing das alles mit den Geschichten an. Nach außen war ich introvertiert, scheu, pflichtbewusst und unzugänglich. Manchmal bin ich das auch heute noch, wenn ich mich unter vielen Fremden finde oder in Situationen, die mir Angst machen. Dann träume ich mich immer noch gern weg, setze Kopfhörer auf oder packe auch mal ein Buch aus, als letzten Rettungsanker. Am Geborgensten fühle ich mich in meinen vier Wänden, mit der Katze im Arm oder unter sehr engen Freunden. Und auch das ist möglich. Andere Quijoteseelen finden und mit ihnen die Milchstraße am Feld suchen...

All das beruht natürlich auf meinen eigenen Erfahrungen. Und Quijoteseele ist auch nicht gleich Quijoteseele. Ich kenne welche, die durchaus sehr politisch sind, sehr, sehr logisch denken oder sich in diversen Situationen ganz anders verhalten als ich. Aber generell glaube ich, dass es gut ist, wenn man weiß, dass man so ein Quijote ist. Weil die Mondritter immer wieder versuchen werden, uns zu vermitteln, dass wir scheitern, hoffnungslose Träumer sind oder uns das Gefühl geben wollen, dass unsere Illusionen keine Berechtigung haben. Und oft werden wir auch scheitern. Aber zu verstehen, wer man ist und wie man funktioniert, ist ein wichtiger Schritt dahin, sich nicht zu verkriechen, wenn man mit den Spiegeln und Stacheln der Realität konfrontiert ist. Man kann auch als Quijoteseele glücklich sein. Und andere glücklich machen. Weil:




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