Mittwoch, 13. November 2013

Wir Quijoteseelen...

Salvador Dalí - Don Quijote

Ich habe mich vor fast einem Jahr zum ersten Mal mit dem Thema Depression beschäftigt. Wer es nachlesen möchte: Wir Mängelexemplare... Nun hat mich heute jemand auf einen anderen Aspekt aufmerksam gemacht. Auf das große WARUM hinter dem ständigen Nichtgenuggefühl. "Weil du es eigentlich nicht akzeptierst und nicht akzeptieren willst. Dein Wunsch wäre, dass es anders ist, und dir fällt es leichter, zu wünschen als zu akzeptieren." Und da war auf einmal dieses Bild in meinem Kopf, das Bild von Don Quijote, der den Spiegel vorgehalten kriegt, damit er endlich die Welt so sieht, wie sie wirklich ist. Und daran zerbricht.

Und plötzlich war mir etwas klar: Das ist nicht einfach ein Mangel wie bei einem Mängelexemplar. Kein Produktionsfehler im psychischen Gewebe und auch kein Riss in der Seele. Wir sind bloß Quijoteseelen. In deren Innerem aus klapprigen Pferden edle Rösser, aus Windmühlen gefährliche Riesen und aus Wirtshausdirnen schöne Burgfräulein werden. In deren Wunschvorstellung es immer um Perfektion, Schönheit und Idealisierung geht. Und wenn die Realität dieses Ideal einholt, kommen wir damit nicht mehr zurecht und sind besiegte Ritter auf dem Totenbett. Gebrochen und unserer ganzen Welt beraubt. Und irgendwann auf Psychopharmaka.

Natürlich ist nicht jeder Depressive eine Quijoteseele und es kann tausend Gründe geben, warum man sich in sich verkriecht. Aber ich will versuchen, mir ein paar Gedanken zu machen, mit denen sich der eine oder andere womöglich identifizieren kann.

Ich glaube, es gibt drei verschiedene Gruppen unter uns Menschen. Einerseits die Quijoteseelen, mit ihren Wünschen, Träumen, der Realitätsverweigerung und der Idealisierung. Dann die Pansaseelen, die zwar selbst in der Realität leben, aber die Quijotes wohlwollend und ein bisschen sehnsüchtig durchs Leben begleiten, ihnen zur Seite stehen, liebend, und vielleicht ein kleines bisschen darauf hoffen, ein Abenteuer zu erleben am Ende ein Stück Paradies für sich zu bekommen. Und dann sind da noch die silbernen Mondritter, die stets wortgewaltigen, lauthalsigen, nicht selten sehr treffend ironischen Zeitgenossen, die es sich zur Aufgabe und zum hehren Lebensziel gemacht haben, den Quijotes den Spiegel vorzuhalten, ihnen die Utopien auszutreiben und die fehlgeleiteten Träume zu nehmen. Die Aufzeiger, die Dringlichkeitspiraten und die Fingerheber. Weil die Welt eben nicht so ist, wie man sie gern hätte und weil es diesen und jenen Grund dafür gibt, dass man sich mit all den schrecklichen Dingen befassen muss, die man sieht, anstatt ständig alles in einer Traumwelt zu erleben. Vermutlich gibt es auch Mischformen, aber diese drei Extreme habe ich in meinem bisherigen Leben sehr oft kennengelernt.

Jetzt bin ich eine Quijoteseele, wie äußert sich das? 

"Zu viel Vernunft mag Wahnsinn sein. Und der größte Wahnsinn von allen: Das Leben sehen, wie es wirklich ist und nicht wie es sein sollte." (Cervantes "Don Quijote") 

1. Meine Wünsche stehen immer über den Tatsachen. Ich will etwas aus tiefstem Herzen und erreiche es entweder oder verzweifle daran. Das ist-eben-so liegt nicht in meiner Natur. Und je weiter das Ziel oder der Wunsch von der Realität entfernt ist, desto größer und schöner erscheint er mir. Dinge, die unmöglich sind, gibt es für mich nicht. Und in gewissen, sehr positiven Phasen, kann ich genau das nützen, um gemäß des Gesetzes der Anziehung positiv zu denken und erstaunliche Erfolge zu erzielen. In schlechten Zeiten dreht sich die Spirale gegen mich und alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen. Murphys Gesetz. Dann stellt die Realität Stacheln auf und ich zerreiße mir all meine Illusionen daran.

2. Alles, was ich tue, folgt viel stärker meiner inneren Logik als den äußeren Gegebenheiten. In mir drin gibt es eine eigene Welt mit Regeln und Gesetzen, ein kompletter Seelenkodex, der stets voraussetzt, dass nichts Äußeres schiefgeht. Sprich wenn dann Hindernisse auftauchen oder jemand genau gegensätzlich agiert, funktioniert das System nicht mehr und Chaos bricht aus. Ein Beispiel: In meiner persönlichen Quijotewelt ist Loyalität enorm wichtig. Einem Freund wird Unrecht zugefügt, Konsequenz: Wer immer daran schuld ist, ist disqualifiziert. Aber in der Realität läuft es nicht immer so. Erstens ist man ganz oft damit konfrontiert, dass so eine Disqualifikation böse Konsequenzen für einen selbst hat. Zweitens ist es durchaus möglich, dass eben der unrecht behandelte Freund sich wieder versöhnlich zeigt, was fortan zu einem großen inneren Konflikt wird, weil meine Disqualifikationen für gewöhnlich endgültig sind. Und drittens kann es sein, dass Disqualifizierte einem immer wieder über den Weg laufen, womöglich in Machtpositionen. 

3. Burgfräulein: Es gibt zahllose Beispiele in meinem Leben, wo ich Menschen, Dinge, Orte oder Situationen idealisiert habe. Frösche wurden nicht einfach zu Prinzen, sondern zu überlebensgroßen, seelenverwandten Sonnengöttern. Es war mir nie und ist mir meist auch Jahre später nicht möglich, dieses Bild loszulassen und mich der Realität dahinter zu stellen. Realität wird konsequent verleugnet, auch wenn sie sich durch die Handlungen der derart Erhöhten deutlich manifestiert. Und wenn dann mal so ein böser Kratzer in den Sonnenlack kommt, dann bricht für mich eine Welt zusammen und versinkt wie Atlantis im Tränenmeer. Und diverse Mondritter haben es ja immer schon gewusst und gesagt. Bloß Quijote sang bis zu letzt in völliger Verzückung...


4. Windmühlen: Mein Gott, was habe ich in meinem Leben schon gegen böse Riesen gekämpft. Und doch waren die meisten davon bloß Windmühlen. Und egal wie schmerzhaft oder fast tödlich der Kampf für mich geendet hat, ich bin mit gezückter Lanze ins Feld gezogen, auch ganz alleine, um alle Ungerechtigkeiten zu beseitigen, die meine ideale Welt gefährden konnten. So ein Quijote sagt auch immer, was er denkt, ohne Überlegung, er trägt sein Herz auf der Zunge und denkt nicht nach, ehe er attackiert. Manchmal hat man das Glück und einen klugen Sancho Pansa neben sich, der einen festhält, bis die Riesen sich verzogen haben. Manchmal hat man keinen.

5. Last but not least zeichnet die Realitätsflucht eine Quijoteseele aus. Zu gern versenke ich mich in fremde Welten, Bücher, Filme, Theaterstücke, Serien, doch nichts zu Realistisches. Nichts Historisches, nichts Sozialkritisches, sondern Phantastisches, Gruseliges, Romantisches. Ein bisschen Realität ist in Ordnung, aber nicht zu viel. Nur in homöopathischen Dosen. Früher konnte ich ganze Sommer in einer erfundenen Scheinwelt verbringen, in ausgedachten Rollen leben, mit Musik Tagträume inszenieren und noch beim Einschlafen aktiv wunschträumen. Als Teenager habe ich etwa drei Viertel meiner Zeit auf diese Art verbracht. Ich war nicht in Diskotheken, in Clubs, in Bars, auf Partys, im Rauchereck, an den voll besetzten Tischen der Aula, meine Freunde waren zum Großteil fiktive Figuren, ich vermied Menschenansammlungen und versammelte lieber Wunschmenschen in meinem Kopf. Oft schrieb ich darüber, so fing das alles mit den Geschichten an. Nach außen war ich introvertiert, scheu, pflichtbewusst und unzugänglich. Manchmal bin ich das auch heute noch, wenn ich mich unter vielen Fremden finde oder in Situationen, die mir Angst machen. Dann träume ich mich immer noch gern weg, setze Kopfhörer auf oder packe auch mal ein Buch aus, als letzten Rettungsanker. Am Geborgensten fühle ich mich in meinen vier Wänden, mit der Katze im Arm oder unter sehr engen Freunden. Und auch das ist möglich. Andere Quijoteseelen finden und mit ihnen die Milchstraße am Feld suchen...

All das beruht natürlich auf meinen eigenen Erfahrungen. Und Quijoteseele ist auch nicht gleich Quijoteseele. Ich kenne welche, die durchaus sehr politisch sind, sehr, sehr logisch denken oder sich in diversen Situationen ganz anders verhalten als ich. Aber generell glaube ich, dass es gut ist, wenn man weiß, dass man so ein Quijote ist. Weil die Mondritter immer wieder versuchen werden, uns zu vermitteln, dass wir scheitern, hoffnungslose Träumer sind oder uns das Gefühl geben wollen, dass unsere Illusionen keine Berechtigung haben. Und oft werden wir auch scheitern. Aber zu verstehen, wer man ist und wie man funktioniert, ist ein wichtiger Schritt dahin, sich nicht zu verkriechen, wenn man mit den Spiegeln und Stacheln der Realität konfrontiert ist. Man kann auch als Quijoteseele glücklich sein. Und andere glücklich machen. Weil:



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