Sonntag, 17. November 2013

Zart besaitet.


 

Hochsensibel? Ich? Nein, bestimmt nicht. Das habe ich immer gesagt, wenn Menschen mir Links zu entsprechenden Tests geschickt haben. Ich habe doch keine extreme Sinneswahrnehmung, bin äußerst schwer zu erschrecken und muss nicht mal Sonnenbrillen tragen, auch nicht an den grellsten Sommertagen. Weil das war alles, was ich mit dem Begriff verbunden habe. Klassischer Vorurteilsfehler. Denn seit ich so einen Test gemacht habe, weiß ich, dass es nicht nur um die äußeren Sinne geht, sondern dass man auch innen drin empfindlich sein kann. Und da gab es eine Menge Fragen, die ich mit "stark zutreffend" beantworten musste. 


188 Punkte. Nicht extrem, weil ich ja viele Sinnesfragen mit nein beantworten konnte. Aber auch eine Anregung, über einige Dinge nachzudenken, die immer so selbstverständlich Teil meiner Welt waren, dass ich nie überlegt habe, woher sie kommen. Ja, sie oft als Fehler und Schwächen verstanden habe, weil ich oft gesagt bekommen hab "sei doch nicht so empfindlich" oder "du bist ja langweilig!"

Hier eine Liste. Für euch da draußen, weil man oft gar nicht weiß, warum andere einen so schwer verstehen können. Oder so rücksichtslos agieren. Weil man dazu neigt, sich anzupassen und gerade wenn man sie stark empfindet, den Bedürfnissen der anderen immer eher nachzugeben als den eigenen.

- In Gruppen kann ich mich nie entspannen. Gar nicht. Weil meine Antennen die ganze Zeit in alle Richtungen ausgefahren sind. Ich versuche, jemandem zuzuhören, der mir gerade was wichtiges erzählt, kriege aber zugleich den Großteil des Gespräches daneben mit, sehe, dass jemand, der in der Gruppe noch neu ist, gerade allein dasitzt und versuche, demjenigen ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, fühle mich schuldig, weil ich ihn mitgebracht habe und er jetzt keinen Anschluss hat, sehe im selben Moment, wie ein Glas umfällt, spüre, dass jemand sich nicht wohlfühlt, müde ist, niest wegen den Katzenhaaren überall, oh Gott, ich hätte besser putzen sollen, nicke und versuche, eine gute Antwort für den Gesprächspartner zu finden... So geht das die ganze Zeit. Und in meiner Brust ist ein Wespennest voll flirrender Gedanken. Und sie stechen, stechen, stechen.

- Ich weine viel. Jede traurige Geschichte auf Facebook, jede emotionale Filmszene, das Ende von Romanen, glückliche Menschen in Castingshows, alles bringt mich zum weinen. Es ist, als ob permanent ein Zug voll Herzdampf durch mich durchfährt, und ich verausgabe mich total in den Gefühlen, bis ich mich manchmal ganz leer fühle. Bis der nächste Zug kommt.

- Abschiede sind besonders schlimm. Natürlich von Menschen. Das ist ein Strom, der kein Ende findet. Und obwohl ich zugleich schreckliche Schamgefühle hab, in der Öffentlichkeit zu weinen und oft versuche, es hinter großen Sonnenbrillen zu verstecken, weine ich maßlos, untröstlich, immer wenn ich damit konfrontiert bin, mich zu verabschieden. Egal ob für eine Woche, ein Monat, ein Jahr, ein halbes Leben. Ich komme nicht damit zurecht. Auch von Orten trenne ich mich so schwer. Ich entwickle starke Bindungen zu Plätzen, die mir etwas bedeuten. Als Kind habe ich den geschmolzenen Schnee aus meinem Schiort in einem leeren Shampooflakon mitgenommen und ein Jahr lang aufbewahrt. Obwohl er nach Shampoo roch. Abschiede von London sind ganz schlimm, wenn ich meine letzte Runde drehe, einmal noch Piccadilly, einmal noch Shakespeare am Leicester Square, letzte Blicke, letzte Gerüche, das nimmt mich extrem mit. Da ist keine Freude, dass ich da war. Kein Baldwieder. Da ist nur Abschiedsschmerz, immer aufs Neue. 

- Wenn es geht, reise ich lieber allein, weil es mich zerreißt, allem gerecht zu werden. Meinen Wünschen und Bedürfnissen, den Wünschen und Bedürfnissen der anderen. Ich war noch nie eine gute Gruppenreisende, weil ich es nicht schaffe, das Ich und das Außen zu trennen. Ich lächle dann viel und sage "ja, das ist super", sehne mich aber gigantisch nach nur einer Stunde allein mit mir und den Sehenswürdigkeiten.

- Diskotheken, große Partys, Menschenansammlungen mit lauter Musik haben mich immer schon in schrecklichen Stress versetzt. Das ist wie die berühmte Bohrmaschine im Kopf. Und jahrelang habe ich mit dem Gedanken gelebt, ein entsetzlich langweiliger Mensch zu sein, weil ich nie mitgehen wollte. Aber es gibt kaum was Schlimmeres für mich als ständig angestupst zu werden, gleichzeitig ein Glas in der Hand, die Tasche an mich gepresst zu haben, kaum was vom Gespräch zu verstehen, das alles erzeugt ein gigantisches Unwohl- und Unruhegefühl in mir. Ich halte betrunkene Menschen auch nur dann aus, wenn ich sie sehr, sehr liebe oder selbst betrunken bin. Fremde betrunkene Menschen sind mir ein Graus. Und alles rempelt. Und schwitzt. Ist laut. Und dröhnt. Ich möchte mich dann immer gern auf dem Klo einsperren und heulen. Aber ich setze meine Maske auf und mache mit, weil das eben gesellschaftliche Konvention ist.

- Ich fürchte mich vor neuen Situationen, Menschen und Orten. Wenn es geht, informiere ich mich vorher immer ganz genau, bis hin zu Fotos und Lageplänen der Örtlichkeiten, um die Angst zu reduzieren.

- Ich rufe nicht gern wo an. Ich habe Angst, andere zu stören und bekomme schweißnasse Hände, wenn ich wo telefonisch reservieren oder bei Hotlines nachfragen muss.

- Kleidung engt mich oft ein. Sobald ich daheim bin, muss ich raus aus allem und kann nur weite Hosen und leichte Shirts am Körper haben. Ich fühle mich oft wie in einem Korsett eingeschnürt, wenn ich BH, Hose, Gürtel, Pullover und Jacke trag. Unbequeme Schuhe machen mich total fertig. Die Schmerzen sind höllisch. Ich fühle mich permanent unwohl in Kleidung.

- Ich fürchte mich davor, Gäste zu haben, die bei mir wohnen, weil ich dann nie für mich sein kann, keine Tür zumachen kann, immer gesprächsbereit sein muss, weil ich es nun mal nicht abstellen kann, dass ich dauernd drauf achte, wie es dem anderen geht.

- Der Großteil meines Lebens spielt sich in meinem Kopf ab, ich träume andauernd, phantasiere mir Dinge zusammen, versetze mich in Erinnerungen und Emotionen. Musik ist wie die Klaviatur dieser Gefühle.

- Ungerechtigkeit ist ganz schlimm für mich und kann mich tagelang quälen. Oft überwinde ich sie nie.

- Ich bin nicht multitaskingfähig. Sobald zwei Dinge gleichzeitig zu tun sind, reißt mich das auseinander und ich werde total unruhig, ungeduldig, fahrig.

- Ich zerbreche viel, Dinge neigen dazu, mir auf die Zehen oder aus der Hand zu fallen. Manchmal laufe ich auch mit dem Kopf wo dagegen, weil ich gerade in Gedankengängen bin.

Die Liste ließe sich noch lange fortführen. Wichtig und der Grund dafür, warum ich diesen Blogbeitrag überhaupt schreibe, ist, dass man mir das alles sehr selten anmerkt. Ich habe ein sehr gut gearbeitetes Schutzkonzept entwickelt über all die Jahre. Das Meiste auf dieser Liste spielt sich lediglich in mir drinnen ab. Und gegen Tränen helfen große Sonnenbrillen. Nur nicht schwach sein. Immer für andere da sein. Immer zuhören. Immer mit dabei sein. Alles mitmachen. Nichts anmerken lassen. Nichts anmerken lassen. Und dann kommt so ein Test und nimmt einem die Illusion, dass man dadurch ja genau so ist wie alle anderen... Aber das ist man nicht. Man ist zart besaitet.



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