Montag, 29. Dezember 2014

Geiz ist peinlich - Warum eine Apfeltasche mehr wert ist als ein Roman. Gedanken zur Verramschung der Buchbranche.

© yevgeniy11 Fotolia.com
Montagmorgen beim Fleischer. Ich bestelle einen Fondue-Mix für vier Personen, schließlich ist in zwei Tagen Silvester. Je zweihundertfünfzig Gramm Huhn, Pute, Schwein und Rind. Nur das beste natürlich. Als der Fleischer mir den Preis nennt, schüttle ich den Kopf. "Das ist zu teuer." Der Fleischer und seine Frau tauschen konsternierte Blicke, schließlich fragt er: "Ähm, wie viel soll's denn kosten?" Ich überlege kurz. "Gibt es kein Gratisangebot?" Eine markante, pochende Ader wird auf der Stirn des Fleischermeisters sichtbar. Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen und sieht schließlich seine Frau an. Diese, einsachtzig groß und bullig, stemmt die Hände in die Hüften und sagt mit lauter Stimme: "Also hörn's mal, gnä' Frau, unsere Tiere werden am Biohof geboren, etwa zehn Monate lang gemästet, das ist harte Arbeit, Tag für Tag. So ein Schweinderl muss gepflegt werden. Dann kommen sie natürlich unter Qualitätskontrolle zum Schlachthof, wo sie betäubt und gestochen werden, ausgeweidet, bearbeitet, gereinigt. Damit Sie hier in der Auslage das beste Fleisch zur Auswahl haben. Und Sie wollen nichts dafür zahlen? Wie stell'n Sie sich das vor?"
Und genauso ist das mit dem Bücherschreiben. 
Also, jetzt mal unter uns, wie viele Gratis-E-Books besitzen Sie? Ja, Sie, ich sehe Sie doch gerade nachrechnen. Keine Sorge, ich verrate Sie nicht! Also wie viele? Da wären mal die aus den Amazon-Gratisaktionen. Gibt es ja inzwischen täglich. Warum auch nicht, man muss es nutzen, wenn einem was geschenkt wird, nicht wahr? Vielleicht ein paar Rezensionsexemplare? Dann noch die, die Sie sich von der Festplatte Ihres guten Freundes XY gezogen haben. Ist ja auch nichts dabei, Sie haben sich ja immer schon Bücher von ihm geliehen, das ist bei elektronischen Büchern doch dasselbe. Und der Z hat schon gefragt, ob er die dann auch haben kann. Schließlich kostet auch eine Flatrate Geld. Vielleicht haben Sie auch schon mal das eine oder andere Buch auf einer Seite im Internet gratis gefunden? Hey, wer würde das nicht tun, wenn es dort doch verfügbar ist. Ist ja nicht Ihre Schuld. Und? Wie viele sind es? Zwanzig? Dreißig? Vierzig? Mehr? Und mal ehrlich, wie viele davon haben Sie gelesen? Ein paar? Na, aber haben muss man sie, wenn sie schon nichts kosten. Nehmen ja keinen Platz weg. Und verderben auch nicht, wie das Fleisch, das Silvester übrig bleibt.
Was nichts kostet, ist auch nichts wert.
Ich höre von allen Seiten, dass ein Preis von 2,99 für einen Roman im E-Book derzeit der höchste Richtwert ist. Was mehr kostet, kauft niemand. Ich sehe es auch selbst. Meine Verlags-E-Books kosten über 8,00 Euro. Die beim E-Book-Label auch noch stolze 4,99. Und sie verkaufen sich nicht. Folgen Sie bitte mal kurz meinem Gedankengang: Gehen Sie gern zu Starbucks? Ja? Ich gehe sehr gern zu Starbucks. Was kostet dort ein Kaffee? Ich hab noch mal für Sie nachgeschaut: Einen mittleren Americano oder Filterkaffee gibt es grade noch für 2,90. Ein großer Latte oder Cappuccino kostet 3,95. Ein Caramel Macchiato 4,80. In zehn Minuten ist der ausgetrunken. An einem Buch lesen Sie viele Stunden. Sie können es sogar öfter lesen. Vorlesen. Draus zitieren. Damit angeben. Der Autor hat viele Monate dran geschrieben. Aber drei Euro sind Ihnen zu viel dafür? Ich frage nur. Im Kino war ich auch neulich. Zwölf Euro für zwei Stunden Unterhaltung. Noch etwas Cola und Popcorn dazu und der Abend kostet über zwanzig Euro. Aber ein Buch um drei Euro war zu teuer, richtig? 
Wenn ich mich durch die E-Book-Bestsellerlisten klicke, kostet kaum ein Buch auf den vorderen Plätzen mehr als 99 Cent. Ja, Sie haben richtig gehört. 99 Cent. Weniger als der McSundae Eisbecher oder die Apfeltasche bei McDonalds. Weniger als der durchschnittliche Schokoriegel. Und selbst das ist den meisten Leuten noch zu viel. Sie warten auf das Gratisangebot, so wie ich beim Fleischer.
Ist doch gute Werbung!
"Wissen Sie was", sage ich zum Fleischerehepaar, "wenn Sie mir das Kilo Fleisch schenken und es meinen Gästen zu Silvester schmeckt, werden die sicher auch bei Ihnen einkaufen. Und erzählen allen Freunden, was für gutes Fleisch Sie haben. Dann kommen ganz viele Kunden und Sie kriegen eine Urkunde als bester Fleischer im Landkreis. Das ist doch in erster Linie Werbung für Sie!" Der Fleischer sieht traurig aus, vermutlich denkt er, wie gut sich so eine Urkunde an der Wand neben der Tür machen würde. Seine Frau schubst ihn zur Seite und tritt näher an die Theke. "Ach ja? Und wer garantiert uns, dass das passiert?" "Niemand", antworte ich munter. "Aber Sie haben sich diesen Beruf selbst ausgesucht. Sie wollen doch bestimmt, dass möglichst viele Leute Ihr gutes Fleisch essen, oder? Außerdem, sind wir ehrlich, sooooo schwer ist der Job auch wieder nicht, schlachten kann doch jeder, der ein Messer halten kann."
Autoren müssen froh sein, dass sie gelesen werden!
"Ich habe halt die Hoffnung", sagen viele KollegInnen, die ihre Bücher um weniger als einen Euro verramschen, "dass die Leute dann mehr von mir lesen wollen, wenn ich ihnen mein Buch schenke. Das nächste kaufen sie. Bestimmt." Bestimmt nicht. Erstens: Wenn ich nach meinem eigenen E-Book-Reader gehe, da sind bald 100 Bücher drauf. Viele davon auch Gratisangebote von Amazon. Gelesen habe ich eine Handvoll. Ich lade unverhältnismäßig viel mehr Bücher als ich überhaupt je lesen können werde. Lesezeit ist begrenzt und gehört zu 90% schon meinen Lieblingsautoren. Zweitens: Wer in den Gratis-Charts von Amazon nach Büchern stöbert, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vor, sich viele E-Books zu kaufen. Entweder weil sie eh bloß elektronischer Schrott sind oder weil es so leicht ist, sie gratis zu bekommen. Werden einem ja praktisch nachgeworfen. Das ist ein Dumpingkonstrukt aus Hoffnung und permanenter Nichterfüllung. Je mehr man die Leute mit Billigpreisen lockt, desto weniger sind sie bereit, jemals wieder mehr als das auszugeben. Und schwupp hat ein Buch den Wert einer Apfeltasche. Jeder führt dann die paar Selfpublisher ins Rennen, die es geschafft haben, auch eine Menge Käufer zu finden. Ja, die gibt es. Aber dass es King, Rowling und Follett gibt, bedeutet auch nicht, dass jeder Verlagsautor automatisch Bestseller hat. Den Meisten von uns geht es in Relation so wie mir bei meinem Gratisexperiment. Ich habe meine Kurzgeschichte Christkindmord zu Weihnachten für 4 Tage verschenkt. Davor kostete sie 89 Cent. In Buchstaben: Nullkommaneunundachtzig. Weniger als ein Kaugummi. Kauen Sie Kaugummi? Nicht? Ich auch nicht. Ist schon nach Minuten völlig schal. Sind Sie neugierig auf die Zahlen? Wollen Sie wissen, wie es wirklich aussieht? Hier ist die Tabelle:
35 Leser haben die Geschichte um 89 Cent gekauft. An den Gratistagen haben sie 764 Leser runtergeladen. Zwei haben sich auch unmittelbar beschwert, dass das eine solche Zeitverschwendung war und sie sich geärgert hätten, hätten sie was bezahlt. Ich muss dazusagen, dass es sich um eine professionell lektorierte Geschichte handelt, die zuvor in einer hoch dotierten Anthologie im Großverlag erschienen ist. Und der Großteil der 764 Downloader wird die Geschichte vermutlich nie lesen. Ist mir das gleichgültig? Nein. Wofür schreibe ich? Um schnelle Kohle zu machen? Um möglichst viele Exemplare um 99 Cent unters Volk zu bringen? Nein. Ich schreibe, um gelesen zu werden. Und hier sind wir wieder beim Thema: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Man liest es entweder gar nicht oder wenn, dann nur, um es doof zu finden. Kann ja nicht gut sein so für umme. Den neuen Follett, der als Hardcover sowie als E-Book um über 20 Euro erscheint, den liest man sofort. Hat ja schließlich was gekostet, das Ding. Ist bestimmt jeden Cent wert. 
Geiz ist geil?
Ich schäme mich ein bisschen, als ich meine Geldbörse zücke und das Fleisch bezahle. Wie komme ich überhaupt auf die Idee, etwas ganz billig oder gratis haben zu wollen, in das andere Menschen ein Jahr oder mehr Arbeit gesteckt haben? Für das Blut und Schweiß geflossen sind. Genauso geht es mir bei Büchern. Verstehen Sie jetzt? Herzblut ist auch Blut. Und Schreiben ist auf seine ganz besondere Art genauso schweißtreibend harte Arbeit wie Schlachten, Zimmern, Rechtsprechen oder Theaterspielen. Kunst ist nicht etwas, das Menschen machen, weil ihnen langweilig ist. Kunst ist Teil unseres Lebens. Was wären wir ohne all die guten Geschichten, Konzerte, Aufführungen, Bilder, Skulpturen, Songs, Filme? Sie bereichern unser Leben. Darum möchte ich Sie um etwas bitten. Ja, Sie, ich sehe, Sie denken gerade mit einem Lächeln an Ihr Lieblingsbuch oder den letzten Film, den Sie im Kino gesehen haben. An das Gefühl, wenn Sie ein Lied hören, in das Ihre Seele wie in einen Fleecehandschuh schlüpft! Kaufen Sie Bücher, Musik, Filme, Bilder wie Sie auch alles andere kaufen, das Sie zum Leben brauchen! Geiz, und das sag ich Ihnen ganz im Vertrauen, ist nämlich gar nicht geil. Geiz ist total peinlich!

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